Welt : Kaltblütig hingerichtet

Der Dreifachmord von Overath: Erschreckende Parallelen zu Truman Capotes Buch – und noch keine Spur vom Täter

Axel Spilcker[Köln]

Sonnenblumen liegen vor dem Haus der Anwaltskanzlei. Ein Grablicht leuchtet in den düster verregneten Vormittag. Die Menschen in Overath nahe Köln nehmen Abschied von dem ermordeten Anwalt Hartmut Nickel (61), seiner Tochter Alja (26) und der Ehefrau Mechthild Bucksteeg (53). Dienstagnachmittag hat ein bisher unbekannter Täter in der Kanzlei des Spezialisten für Familien- und Scheidungsrecht ein Blutbad angerichtet. Die Art, wie das Verbrechen ausgeführt wurde, erinnert geradezu frappierend an das brutale Szenario aus Truman Capotes Buch „Kaltblütig“. Um 16 Uhr 25 werden Nickel und die beiden Frauen mit einem großkalibrigen Gewehr erschossen. Die Opfer haben nach den Erkenntnissen der Ermittler keine Chance zur Gegenwehr. „Es war eine Hinrichtung“, berichtet ein Polizeibeamter. Der Mörder habe ihnen die Gesichter buchstäblich „weggeschossen“.

Das Anwaltsehepaar hinterlässt zwei Töchter im Alter von zwölf und 15 Jahren. Sie werden psychologisch betreut. In Overath herrscht am Freitag das blanke Entsetzen: „Man fühlt sich wie gelähmt“, schildert eine Freundin der Anwaltsfamilie ihre Seelenlage. Susanne H., die Mitarbeiterin des ermordeten Anwalts, fällt es auch noch Tage danach schwer, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Die Mutter zweier Kinder, die seit 1988 in der Kanzlei arbeitet, entkam dem Schicksal ihres Arbeitgebers, weil sie an jenem Dienstag frei hatte. Die Nickels „waren so etwas wie eine zweite Familie für mich“, sagt die 35-Jährige. Nie habe es ein böses Wort gegeben, nie Streit. Die Aussage deckt sich mit den Erkenntnissen der Kölner Polizei. Obwohl man auch einen Raubüberfall nicht ausschließen will, konzentrieren die 21 Beamten der Mordkommission ihre Ermittlungen „auf das berufliche Umfeld“ des ermordeten Anwalts. Am Mittwoch teilt Ermittlungsleiter Markus Weber vor der Presse mit, dass eine Passantin einen etwa 35-jährigen Mann gesehen habe, der kurz nach den Schüssen aus dem Haus der Kanzlei getreten sei. Besonderes Kennzeichen des Unbekannten: Seine Vorderzähne stehen schief.

Mittwochnachmittag erhält die Mordkommission Overath einen anonymen Anruf. Ein Gelegenheitsarbeiter wird angeklagt. Die Kommission nimmt den Hinweis ernst. Die Beamten entdecken eine auffällige Verbindung zu den Opfern: Vor sieben Jahren standen der Verdächtige und Anwalt Nickel sich in einem Strafprozess gegenüber. Der 38-Jährige hatte im Vollrausch einen Taxifahrer beinahe zu Tode gewürgt und zeitweilig wegen Mordversuchs in Untersuchungshaft gesessen. Im Prozess hielt das Gericht den Angeklagten für vermindert schuldfähig. Der Richterspruch lautete auf zwei Jahre mit Bewährung. Als Opferanwalt war seinerzeit der erschossene Anwalt Nickel aufgetreten. Der Verdächtige wird festgenommen und verbringt Mittwochnacht im Polizeigewahrsam. Aus Ermittlerkreisen verlautet auch die Warnung dies nicht überzubewerten: „Wir sind nicht sicher, ob er es ist. Warten wir mal die Vernehmung ab." Die Warnungen verhallen ungehört. Längst spüren Medienvertreter dem Vorleben des Verdächtigen nach. TV-Sender senden live von der letzten Wohnadresse des Mannes. Bekannte geben Interviews, bis zum späten Nachmittag liegt die Vita des Mannes offen wie ein Buch vor. Sozialhilfeempfänger, frisch geschieden, Schulden drücken, einer, der gern und häufig dem Alkohol zuspricht. 20 Stunden nach dem Zugriff gibt die Polizei Entwarnung. Der Verdacht gegen den Festgenommenen habe sich nicht erhärtet.

Erinnerungen an den Fehlschlag im Fall der ermordeten schwedischen Außenministerin Anna Lindh werden wach. Da hatte die Justiz der Öffentlichkeit zunächst den falschen Tatverdächtigen präsentiert, die Boulevard-Medien hatten jedes noch so kleine Details aus seinem Leben breitgetreten.

Die Hysterie um den Dreifachmord in Overath nimmt mitunter ähnlich skurrile Züge an. Eine in Scheidung lebende Mandantin des ermordeten Anwalts schwärzt am Mittwochabend bei den Kölner Todesermittlern ihren Ehemann an. Dem Gatten traut sie die Tat durchaus zu. Doch auch dieses Mal erweist sich der Hinweis als Ente. Der geschiedene Ehemann scheidet als Verdächtiger aus. Am Freitagnachmittag gibt die Kölner Polizei ein Phantombild des Todesschützen heraus. „Eine heiße Spur“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Beus, „hat sich aber bisher nicht ergeben“.

Die Mörder in Truman Capotes Tatsachenbericht sind absolut sicher, nicht gefasst werden zu können. Knapp eineinhalb Monate nach der Tat werden sie dann doch verhaftet - wegen Betruges. Manchmal hilft eben nur der Zufall.

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