Kampf den Militärs : Liedermacher der ägyptischen Revolution

Ramy Essam ist Liedermacher in Kairo – zusammen mit anderen Musikern kämpft er gegen die Militärs.

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Ramy Essam bei einem Konzert in Kairo im Hof des Goethe-Instituts.
Ramy Essam bei einem Konzert in Kairo im Hof des Goethe-Instituts.Foto: Katharina Eglau

Eslam Hakeem trommelt im Takt auf dem Lenkrad seines gut 25 Jahre alten Fiats. Das Autoradio hat er voll aufgedreht, aber er singt noch lauter mit: „Aisch, Horreya, Adala Igtimaiya.“ Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Es ist ein Lied der ägyptischen Revolutionäre. Dabei hat er, der Taxifahrer, längst die Nase voll von der Revolution. Seit Mubarak am 11. Februar vor einem Jahr gestürzt wurde, bleiben die Touristen weg. Lukrative Fahrten zum Flughafen oder den Pyramiden hatte er seit langem nicht. Stattdessen bringen wieder blutige Proteste und das beißende Tränengas das sonst so bunte Leben in der Kairoer Innenstadt zum Erliegen. „Aber vielleicht wird es ja doch mal wieder besser.“ Die Musik jedenfalls gefällt ihm. Der Mann, der ihm am Lenkrad diesen Rest Zuversicht gibt, heißt Ramy Essam, er hat das Lied geschrieben. Er ist nur einer von einer ganzen Garde junger Musiker in Ägypten, die mit kritischen Texten und einem neuen Stil nach dem politischen System nun auch die Musikszene umkrempeln wollen.

Eigentlich, sagt Ramy Essam, mache er für die Demonstranten Musik. Als vor einem Jahr die Revolution losbrach, stand er als einer der Ersten auf dem Tahrir-Platz. „Irhal“ also „Hau ab“, sang er auf dem Platz vor tausenden Menschen an die Adresse des damaligen Diktators Hosni Mubarak. Es brachte ihm viele Freunde und gefährliche Feinde ein. Er wurde gefangen genommen und mit Elektroschocks und Schlägen gefoltert. „Das hat mich nur stärker gemacht“, sagt er heute. Und glaubwürdiger. „Schon vor drei Jahren habe ich meine Lieder gesungen.“ Doch erst seit Beginn des arabischen Frühlings interessieren sich die Menschen für die Musik des 24-Jährigen, der eigentlich Ingenieur werden will.

Jetzt hören sie ihm alle zu. „Stimme Ägyptens“ nennen sie ihn in Kairo. Der Revolution verdankt er alles. Seine Freiheit und vor allem seinen Erfolg. Zum Jahrestag der Revolution am 25. Januar veröffentlichte er sein erstes Album, längst ist er Teil der ägyptischen Popkultur geworden. In der beliebten Kairoer Diskothek „After Eight“ und anderen Klubs werden regelmäßig seine Lieder gespielt und die Gäste stürmen die Tanzfläche.

Erfolgsgeschichten wie die von Essam kann man derzeit von vielen Musikern hören. Bands wie Cairokee, Taxi oder Iskendrella sind nur die prominentesten Beispiele für ehemalige Untergrundbands, die die Revolution landesweit bekannt gemacht hat. Auch Mahmoud Shawky zählt dazu. Seit 2004 macht er Musik. Seit einem Jahr füllt er mit seiner Band „Ahwa Sada“ die Klubs und selbst das Kairoer Opernhaus. Und er glaubt zu wissen warum: „Die Proteste waren ein Einschnitt, ein Neuanfang. Deswegen war es auch Zeit für eine neue Art von Musik.“

Neu, das heißt im Falle seiner Band Einflüsse aus Jazz und Rock. Für europäische Ohren sicherlich nichts Unerhörtes. Und auch der Liedermacher-Stil von Ramy Essam oder die Popmusik von Cairokee und Taxi, die teilweise gefährlich an deutsche Schlager erinnern, dürften auf eine westliche Hörerschaft eher vertraut denn revolutionär wirken. Doch in Ägypten ist der Markt über Jahre dominiert gewesen von Schnulzen und Schmachtfetzen. „Die Leute wunderten sich über unsere sozialkritischen Texte“, erzählt Shawky. Mehr als einmal sei er gefragt worden, warum er denn nicht einfach über die Liebe singe.

Das Interesse für Politisches wächst nur langsam in der einfachen Bevölkerung. „Der Großteil unseres Publikums sind Intellektuelle.“ Doch die Leute, die er erreichen will, kommen aus der Unterschicht, wie Hakeem, der Taxifahrer. „Diese Menschen sind das Rückgrat der Revolution.“ Deswegen singt er wie alle Musiker, die mit der Revolution erfolgreich geworden sind, im ägyptisch-arabischen Dialekt. „Wir benutzen einfache Worte mit großer Bedeutung. Sie sind unsere schärfste Waffe gegen das Regime.“ Und es ist ein harter Kampf um die Deutungshoheit der Ereignisse, den die Künstler mit dem aktuell regierenden Militärrat (SCAF) ausfechten. Wenn die Generäle Christen und Muslime gegeneinander aufhetzen, dann singt Ahwa Sada von der Einheit der Ägypter. Verkündet SCAF, die Revolution sei vorbei, singt Ramy Essam vom Sturz des Militärregimes und dem endgültigen Bruch mit der alten Gefolgschaft Mubaraks.

Wie der Kampf ausgeht, ist offen. So wie zurzeit eigentlich nichts wirklich entschieden ist in Ägypten. Die Musiker eint denn auch ihre Sorge um die Zukunft des Landes. Bisher habe sich nicht viel verändert, meint Ramy Essam. Aus Frustration über den Militärrat boykottierte er sogar die Parlamentswahlen. Und auch Mahmoud Shawky ist skeptisch, ob ein demokratischer Übergang wirklich gelingen wird. „Deswegen werden wir weiter gegen Probleme und Ungerechtigkeit ansingen“, meint er. Denn eines hat die Revolution zumindest schon geschafft: „Wir haben keine Angst mehr.“ Dabei geht das Militär noch immer sehr rabiat mit Regimegegnern um. „Unsere Fans werden uns beschützen“, glaubt Shawky. Und Ramy Essam bleibt kämpferisch: „Sie haben mich gefoltert, sie haben meine Freunde auf dem Tahrir-Platz erschossen. Aber ich bin noch hier. Ich singe immer noch.“

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