Kanada : Weißer Wahnsinn in Kanada

Schnee und Eis, wohin das Auge blickt: Ein frostiger Winter hat den Osten Kanadas fest im Griff und beschert seinen Bewohnern Schneefälle in Rekordhöhe. Doch so lieblich die weißen Flocken auch aussehen - manchen Kanadier treiben sie in den Wahnsinn.

Michel Comte

OttawaDer "Schnee-Koller" bringt brave Staatsbürger dazu, auf ihre Nachbarn loszugehen und Schneepflüge zu klauen. Nur eines kann diesen Wahn kurieren: Der Frühling. Doch der lässt auf sich warten.

Polizei und Psychologen kennen das Phänomen, das sie "Schnee-Wut" nennen und das die Kanadier in besonders eisigen Wintern überkommt. Ähnlich wie bei Autofahrern, die im Straßenverkehr plötzlich ausflippen, platzt auch den Schneegeplagten der Kragen. Die Polizei in Québec beispielsweise erhielt diesen Winter mehr als ein dutzend Anrufe von aufgebrachten Nachbarn, die sich darüber empörten, dass Schneeberge von nebenan auf der eigenen Einfahrt landeten. Tatsächlich weiß man in Québec inzwischen gar nicht mehr, wohin mit all dem weißen Puder. Die ganze Stadt liegt unter einer riesigen Schneedecke von 460 Zentimetern begraben - so viel Schnee gab es noch nie.

Bürger sind stinkig

Auch im benachbarten Montréal, wo sich die Einwohner gerade vom neunten großen Schneesturm dieser Saison erholen, lässt das Chaos so manchen Bewohner durchdrehen. Im Streit um die einzig freie Parklücke auf einer verschneiten Straße bedrohte ein Mann einen anderen Autofahrer mit einer Spielzeugpistole. Jetzt muss er sich vor Gericht verantworten.

Schlimmer noch trieb es ein älterer Mann in der Stadt Québec. Der Schneegeplagte bedrohte die Lenkerin eines Schneepflugs mit einer Flinte, weil das Gerät Schnee auf seinen Grund und Boden gepflügt hatte. "Wie kann man sich gegen eine drei Tonnen schwere Schneefräse wehren?", sagte er der Zeitung "The Globe and Mail" und behauptete, die Fahrerin habe ihn mit dem Pflug umfahren wollen. "Da muss ein Mann sich doch verteidigen."

Die Leute wollen den Schnee loswerden

Québecs Polizeisprecherin Sandra Dion hat derzeit öfter mit solchen Querulanten zu tun. "Die Leute haben die Nase voll von Schnee", seufzt sie. Der Psychologe Luc Tremblay gibt ihr Recht. "Ich sehe so viel weiß, dass ich rot sehe", beschreibt er das Phänomen im "The Globe and Mail". "Es gibt einen Punkt, da fühlen sich die Leute niedergeschlagen, ohnmächtig. Es zerrt an ihrer Seele und an ihren Nerven."

Dass der eigene Grund und Boden im Schnee versinkt, ist wohl der Grund dafür, dass diesen Winter die Diebstähle von Schneepflügen sprunghaft zugenommen haben. Das millionenschwere Budget, das die Städte der Region für die Beseitigung von Schnee vorgesehen hatten, ist ohnehin längst erschöpft.

Alles liegt lahm

Und der Schnee macht das Leben kompliziert und gefährlich: Viele Flüge verspäten sich wegen der Schneestürme oder müssen ganz gestrichen werden. Mehrere Hausdächer brachen unter der Last der Schneemassen zusammen, und vereiste Straßen und Schneeverwehungen führten zu hunderten Verkehrsunfällen. Zudem kam eine Frau auf einer Autobahn ums Leben, als ihr Wagen mit einem überholenden Schneepflug kollidierte. Und ein Kind starb, als ein Schneehaufen, in dem es gerade spielte, über ihm zusammenbrach.

Doch es gibt auch Lichtblicke in diesem frostigen Winter. Manche Kanadier lassen sich von der eisigen Stimmung nicht anstecken, sondern genießen die weiße Pracht. So hofft ein Mann in Ottawa, die größte Schneewehe überhaupt präsentieren zu können und damit den Weltrekord zu brechen. Der Schneehaufen ist bereits höher als sein zweigeschossiges Haus und wächst immer noch. Ein Pärchen lässt eisige Gefühle schmelzen, indem es einen Eishaufen mit einer Strandszenerie unter Palmen bemalt. Ein weiterer Schneekünstler verkaufte kürzlich seine Schneeverwehung beim Online-Auktionshaus Ebay und nahm ein paar tausend Dollar für wohltätige Zwecke ein.

Andere nutzen den Schnee in sportlicher Hinsicht und laufen mit Langlaufskiern durch die Straßen, ehe die Schneepflüge anrollen. Auch sie können gut damit leben, wenn der Frühling noch ein bisschen auf sich warten lässt. (dm/AFP)

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