• Kanonendonner und Pulverdampf: Leipzig macht Völkerschlacht zum Besucherspektakel

Kanonendonner und Pulverdampf : Leipzig macht Völkerschlacht zum Besucherspektakel

Mit einem gewaltigem Spektakel und einer Festwoche vermarktet Leipzig das Gedenken an die Völkerschlacht vor 200 Jahren. Höhepunkt ist am nächsten Sonntag eine Nachstellung des Gemetzels mit 6000 Darstellern. Sehen Sie hier auch ein Video von der Generalprobe.

Ralf Hübner[Leipzig]
Historisches Gemetzel. Jedes Jahr werden in vielen Gegenden Sachsens Teile der Schlacht nachgestellt.
Historisches Gemetzel. Jedes Jahr werden in vielen Gegenden Sachsens Teile der Schlacht nachgestellt.Foto: picture-alliance / dpa

Der Schlachtenlärm von Leipzig will einfach nicht verstummen. 200 Jahre nach dem historischen Gemetzel vor den Toren der Stadt reitet Franzosenkaiser Napoleon wie einst über herbstliche Felder und Wiesen. Doch nicht nur auf den damaligen Schlachtfeldern donnern wieder die Kanonen, wird geritten und gefochten. Auch auf Büchertischen, in Radio und Fernsehen fallen immer und immer wieder die Heere der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden und das Heer Napoleons übereinander her, wird geschossen und gestorben.

Vier Tage lang dauerte die Völkerschlacht vor den Toren Leipzigs

Es war der 14. Oktober 1813, als die Reiterarmeen beider Seiten bei einem ersten Gefecht aneinandergerieten. Etwa 14 000 Reiter sollen daran beteiligt gewesen sein – angeblich die größte Reiterschlacht der napoleonischen Kriege. Und doch war das nur der Auftakt. Vier Tage, vom 14. bis zum 18. Oktober, dauerte das große Sterben. Etwa eine halbe Million Soldaten standen sich gegenüber. Am Ende hatten mehr als 100 000 von ihnen ihr Leben verloren oder waren verwundet. Die Gegend glich einem einzigen großen Lazarett. Viele Dörfer und Ortschaften der Umgebung waren niedergebrannt. Die Völkerschlacht bei Leipzig ist als eine der größten und blutigsten Schlachten in die europäische Geschichte eingegangen. Sie besiegelte praktisch das Ende der Herrschaft Napoleons in Europa – zwei Jahre vor der endgültigen Niederlage in der Schlacht von Waterloo von 1815.

Leipzig hofft wieder auf Heerscharen, diesmal von Besuchern

Die Stadt Leipzig vermarktet das Ereignis mit großem Aufwand. Mit einer großen Festwoche wird in und um Leipzig ab Mittwoch der Völkerschlacht und zugleich an die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals – eines der Wahrzeichen der Messestadt – vor genau 100 Jahren gedacht. Mit dem Doppeljubiläum hofft die Stadt auf neue Heerscharen – diesmal von Besuchern. Die Verkehrsbetriebe werben mit einer speziellen „Bona-Card“, mit der Besucher per Bus und Bahn „kaiserlich durch Leipzig fahren“ können. Der Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, Volker Bremer, peilt für 2013 einen Rekord von 2,6 Millionen Übernachtungen an.

Höhepunkt aber ist eine gewaltige Inszenierung. 200 Jahre nach der Völkerschlacht wird Napoleon wieder über das einstige Leipziger Schlachtfeld reiten. Frank Samson, ein Anwalt aus Paris, wird in die Rolle des legendären Franzosenkaisers schlüpfen. Die napoleonische Ära habe ihn fasziniert, seit er klein war, sagt der 46-Jährige. Die Nachstellung der Schlacht mit rund 6000 Akteuren aus aller Welt gilt als der Höhepunkt der jetzigen Festwoche. Auch aus den USA, Kanada und Australien werden Teilnehmer erwartet. Vier Jahre lang haben Michél Kothe und seine Mitstreiter vom Verband „Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813“ das Spektakel geplant. Er spricht von einem „Ereignis von bisher unerreichter Dimension“. Auf diese Art und Weise werde Geschichte lebendig nachvollzogen. „Das sind keine verstaubten Dinge wie im Museum“, sagt der 38-Jährige. Eine Kriegsverherrlichung mag er darin nicht sehen. „Wir leben Versöhnung. Im Gegensatz zu damals sitzen wir heute mit Menschen aus 28 Nationen friedlich am Biwak-Feuer.“ Kothe selbst wird sich in preußischer Uniform ins Getümmel stürzen. Am Sonntag werden in Markkleeberg bei Leipzig 30 000 Zuschauer erwartet.

Der MDR plant eine fiktive Nachrichtensendung zur Völkerschlacht

Der Geist der Verständigung soll bei vielen Veranstaltungen zum Völkerschlachtjubiläum im Vordergrund stehen, für das der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, die Schirmherrschaft übernommen hat. So gibt es Musik, Ausstellungen und Friedensgebete, Gedenkmedaillen und eine Sonderbriefmarke. Die russisch-orthodoxe Kirche in Leipzig erinnert an die 22 000 russischen Gefallenen der Schlacht. Und 100 Jahre nach seiner Weihe wird das frisch restaurierte Völkerschlachtdenkmal, eines der größten Denkmäler Europas, am Freitag der Öffentlichkeit übergeben.

Zwischen Montag und Donnerstag will der Mitteldeutsche Rundfunk eine fiktive Nachrichtensendung zur Völkerschlacht ausstrahlen und im Stil der Breaking News von dem viertägigen Gemetzel berichten. Durch die Sendung führt Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni. Neben Tageszusammenfassungen sollen auch Einzelschicksale vorgestellt werden. In dem Brennpunkt, der täglich um 19.50 Uhr über den Bildschirm flimmert, wird so getan, als handle es sich um ein aktuelles Kriegsgeschehen. „Live“-Schaltungen zu Korrespondenten und Nachtsichtkameras sollen diese Authentizität vermitteln. ARD-Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert wird ein „Exklusivinterview“ mit Napoleons Gattin machen. Auch im Radio soll das historische Ereignis in aktuellem Nachrichtenstil über die Schlacht berichtet werden.

„Ein Fernsehangebot, das die Völkerschlacht als Liveerlebnis inszeniert, kann eine Türöffnerfunktion haben“, sagt dazu die Historikerin Saskia Handro von der Uni Münster. „Sie regt bei Gruppen, die sich sonst weniger dafür interessieren, eine weitergehende Beschäftigung mit dem Thema an.“ Ähnlich sieht es der Politikwissenschaftler Werner Patzelt von der TU Dresden: „Wichtige historische Ereignisse sollte man sich vergegenwärtigen. Und wenn man das auf unterhaltsame Weise machen kann, ist das keine schlechte Idee.“

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