Welt : Kapitale Doppelfehler

Boris Becker macht derzeit allenfalls mit seinen Finanzen Schlagzeilen – die Herzen fliegen ihm trotzdem zu

Philipp Mausshardt

Der Lokalzeitung von St. Tropez war es vor vier Wochen immerhin noch eine kleine Meldung auf der Titelseite wert, dass Boris Becker, 35, mit seiner Freundin Caroline, 26, an der Uferpromenade gesichtet worden sei. Ansonsten war es in den vergangenen Monaten etwas stiller geworden um den Jungen aus Leimen. Selbst Zeitschriften, die mit Boris auf der Titelseite über Jahre hinweg ihre Auflagen hoch hielten, hatten sich anderen Stars und Sternchen zugewandt. Es war, als würde man ihm eine kleine Verschnaufpause gönnen, nachdem er im letzten Oktober wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer halben Million Euro verurteilt worden war.

Doch Boris Becker ist mitten im Sommerloch wieder in die Medien zurückgekehrt – und wieder mit einer Geschichte, die alles andere als Glanz ausstrahlt. Das alte Lied, nur neu intoniert: Becker hat wieder einmal Ärger mit den Finanzbehörden. Diesmal will die Stadt München nicht länger auf eine ihr von Becker geschuldete Gewerbesteuer in Höhe von rund 660 000 Euro warten und hat ihm laut „Süddeutscher Zeitung“ die Zwangsvollstreckung angekündigt. Das wird von Beckers Anwälten dementiert. Doch die Meldung hat ihn wieder ins Gespräch gebracht.

Die Bewunderung bleibt

Als hätte ein englischer Dramatiker ihm sein Lebensbuch geschrieben, erfüllt Boris Becker, was das Publikum von einem tragischen Helden erwartet. Er, der einmal als unerreichbarer Star am Himmel aller sportbegeisterten Menschen stand, stürzt über Liebes- und Geldaffären immer tiefer und wird – so lässt die Anlage des Stückes vermuten – dereinst als bemitleidenswerte Gestalt sein Ende finden. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Noch schimmert bei Boris Becker der Glanz vergangener Tage durch, und egal, was passiert, die Herzen werden ihm weiter zufliegen. Kann man einem einst guten Tennisspieler vorwerfen, dass er in wirtschaftlichen und privaten Dingen eine weniger glückliche Hand hat?

Umgeben von Freunden und Beratern macht man ihn zum „Geschäftsmann“, steckt ihn in einen dunklen Anzug, kauft ihm Mercedes-Niederlassungen in den neuen Bundesländern und lässt ihn in Werbesendungen für renommierte Firmen auftreten.

Die Zuschauer sind entzückt. Boris als Manager, da kann der Erfolg nicht auf sich warten lassen. Ob in der aufblühenden Internet-Welt bei Sportgate, ob als Vermarkter großer Sportevents bei BBM, ob als Galionsfigur und Teilhaber einer Bio-Lebensmittelkette, als Werbeträger für Uhren, Autos und Telefonnetze – Becker gilt, egal in welcher Branche, als Garant für das Siegen. Nur wenige erkennen, dass Becker selbst, obwohl schon über 30 Jahre alt, noch heute manchmal wie ein kleiner Junge handelt und bei wirtschaftlichen Investitionen weniger aus eigenem Antrieb etwas auf die Beine stellt oder gar mit Ausdauer und gegen Widerstände bei einer Sache bleiben kann.

Unser Held weiß, das Publikum liebt ihn. Er springt, wo immer er ein Hölzchen sieht und dreht sich, wo immer einer nach ihm ruft, und dreht sich und dreht sich, bis ihm ganz schwindelig ist. Dass er im Strudel der Ereignisse auch privat die Balance verliert – wer will ihm das negativ anrechnen. Nein, auch da ist Boris Becker noch immer Publikumsliebling, und als seine Frau Barbara ihn mit den beiden Kindern im Jahre 2000 verlässt, verteilt sich das öffentliche Mitleid mindestens auf beide Ehepartner gleichermaßen. Wird er es alleine schaffen? Steht er wieder auf? Und mit wem? Schiebt ihm abends jemand kaffeebraune Schönheiten in seine Nähe und lauert, ob er zubeißt? Die Fotografen warten.

Er sitzt in der Falle. Auch die schönen Augen der bei ihm zu kurz gekommenen Frauen hält er für echte Liebe und fühlt sich verstanden.

Die Scheidung kostete ihn Millionen. „Es war meine größte finanzielle Niederlage“ sagt Boris. Hinzu kamen die Alimente für sein Londoner Kind. Steuern zahlte Becker im vergangenen Jahr in Höhe von mindestens vier Millionen Euro nach, und was er so nebenbei auf seinen vielen Reisen im Jahr ausgibt, reicht wahrscheinlich anderen Menschen, um ein Reihenhaus zu bauen. Als Becker 2002 seine Villa im noblen Münchner Stadtteil Bogenhausen verkaufte und seither offiziell in einem Hotel der Stadt gemeldet ist, galt das vielen als das erste Anzeichen dafür, dass die scheinbar unerschöpflichen Geldquellen des einst so blendend verdienenden Tennisprofis zu versiegen begannen.

Vielleicht sind es nur „kurzfristige liquide Engpässe“, die zu den aktuellen Forderungen der Stadt München geführt haben. Doch selbst wenn man die 100 Millionen Euro, die Becker Ende der 90er Jahre noch als Vermögen gehabt haben soll, zugrunde legte, stellt sich die Frage, wieviel nach den privaten und geschäftlichen Misserfolgen übrig geblieben ist. Und mit jeder neuen Pleite sank auch sein Imagewert für die Werbeindustrie. Jetzt hat AOL entschieden, den Vertrag mit Becker nicht mehr zu verlängern.

Das Gesetz der Serie

Ist das der Anfang vom letzten Akt? Seine Bilanz als Geschäftsmann sieht nicht gut aus: Kaum ein Unternehmen, in das er investiert hat, hat sich wirklich gut bezahlt gemacht. Dann versuchte er es vor kurzem mit einer eigenen Mode-Kollektion. Doch als sei bei kapitalen Doppelfehlern das Gesetz der Serie nicht zu stoppen stellte auch diese Firma Pro-Sport AG vor ein paar Monaten einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Zurzeit konzentriert er sich wieder einmal auf das Tennis und will als „Chairman“ das ehrwürdige Hamburger Tennisturnier am Rothenbaum zu erfolgreichen Ufern führen. Das hat ihm in diesem Jahr nach eigenen Angaben rund eine Million Euro Verlust eingebracht.

Aber nicht nur das: Auch Immobilien, die Becker anfasste, verwandelten sich unter seinen Händen in ein Geld schluckendes Ungeheuer: Auf Mallorca muss er seine Finca nun für viel Geld um fast die Hälfte verkleinern, weil er wieder einmal „falsch beraten“ worden sei. In New York steckte er fast eine Million Euro in ein von ihm nie bezogenes Penthouse. Das Geld dafür fordert er bis heute vergeblich zurück. In London sucht er gerade mal wieder für sich und seine Freundin nach einer Bleibe. Die Kosten dafür wird er wohl kaum mit seinen Auftritten als Wimbledon-Kommentator oder Stargast bei Partys und Empfängen finanzieren können.

Wie es um Beckers Finanzen bestellt ist, lässt sich vielleicht am besten daraus ableiten, dass er für diesen Herbst etwas angekündigt hat, was alternde Stars immer dann tun, wenn sie frisches Geld verdienen wollen oder müssen: Becker wird seine Memoiren veröffentlichen, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft sollen sie auf den Verkaufstheken liegen.

Boris war als Autoverkäufer, Manager, Modezar, Lebensmittelhändler, Sportfunktionär und Geldanleger weniger erfolgreich als in seiner Tenniskarriere. Vielleicht wird er ein erfolgreicher Schriftsteller.

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