Kapitalismuskritik : Die ganze Welt – ein Spielkasino

Nach Ansicht des amerikanischen Mathematikers Aaron Brown beruht die Wirtschaft auf einem gewaltigen Glücksspiel.

Andreas Oswald
Wallstreet
Die Wallstreet ist das Zentrum der US-Finanzbranche. -Foto: dpa

Für viele Milliardäre wie Nichtmilliardäre war das ablaufende Jahr spektakulär – vor allem, was die Verluste angeht. Da mag mancher Schadenfreude empfinden, der den letzten Boom verschlafen hat. Aber das Zocken der Banken, das Zocken der Milliardäre könnte diesmal die ganze Welt in den Abgrund reißen. Der jüngste Skandal um den Ex-Börsenchef Bernard Madoff, der mit einem Schneeballsystem Anleger um 50 Milliarden Dollar schädigte und damit bereits den ersten Milliardär in den Selbstmord trieb, belebt eine alte Frage: Sind unsere Börsen, ist unser ganzes Wirtschaftssystem ein einziges großes Spielkasino – beherrscht von Glücksrittern, Falschspielern, Betrügern und Bankern, die den Kleinanleger übervorteilen und ausplündern?

Aaron Brown ist ein amerikanischer Mathematiker. Aus seiner Zeit bei der Investmentbank Morgan Stanley weiß er, welchen Einfluss Derivate auf die Märkte haben. Aaron Brown vertritt die Ansicht, dass „das Finanzwesen nur als Glücksspiel verstanden werden kann“. Vor allem hat er diese Ansicht schon im Jahre 2006 vertreten, als jeder, der sein Geld in langweilige Staatsanleihen steckte, als rückständiger Spießer galt. Sein Buch „Die Gesetze des Spiels“ ist durch die Finanzkrise aktueller denn je und gerade auf Deutsch erschienen. 2006 hielt die ganze Welt Derivate für eine seriöse Methode, Risiken abzumildern und zu versichern, indem sie gleichmäßig auf die ganze Welt verteilt werden. Aaron Brown entlarvte das als Illusion, bevor die Blase mit großem Knall platzte.

Kein Kapitalismuskritiker

Brown ist kein Kapitalismuskritiker. Dass die amerikanische Wirtschaft seit ihren Anfängen auf dem Prinzip des Glücksspiels beruht, findet er gar nicht so schlimm. Das Prinzip des Glücksspiels könne enorme wirtschaftliche Kräfte freisetzen, beschreibt er an zahlreichen Beispielen. Wichtig sei es nur, sich der Risiken bewusst zu sein und sie zu kontrollieren. Er ist damit Mitstreiter eines anderen US-Mathematikers, der viel Aufsehen erregt hat: Der New Yorker Nassim Taleb, Spross einer alten libanesischen Kaufmannsfamilie, legt mit seinem Buch „Der Schwarze Schwan“ dar, wie Menschen durch falsche Wahrnehmung unbewusst horrende Risiken eingehen und Möglichkeiten unterschätzen – im Positiven wie im Negativen. Er plädiert für einen bewussteren Umgang mit dem Zufall, um Katastrophen zu vermeiden oder mit ihnen umzugehen. Auch Taleb befeuert die Debatten um die Finanzkrise, obwohl – oder weil – er das schon 2003 schrieb.

Es ist außergewöhnlich, dass diese Gesellschaftskritik nicht von links oder rechts kommt – sondern aus der Vergangenheit; und von Seiten der Mathematik, die eine ganz andere Frage aufwirft: Wieviel Risiko soll und darf eine Gesellschaft eingehen? Dass diese Frage von zwei ehemaligen Konstrukteuren hochriskanter Finanzinstrumente stammt, die in der Höhle des Löwen arbeiteten, gibt der Sache Sprengkraft. Auch weil sie keine politische Absichten verfolgen und eher exzentrische Zeitgenossen zu sein scheinen.

Man könnte sie fast als amoralisch geißeln: Aaron Brown zeigt ohne einen Anflug von Kritik minutiös auf, wie die Börsen sich historisch aus Wettbüros entwickelten, wie Glücksspiel den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg finanzierte, wie Zocken die Wirtschaft befeuerte. Wie nicht nur der Derivatehandel, sondern jeglicher Börsenhandel nach den Prinzipien des Glücksspiels funktioniert. Und dass maßgebliche Präsidenten der USA sowie viele der wichtigsten Wirtschaftsführer Pokerspieler waren. Brown weist mathematisch nach, wie ähnlich Finanzprodukte der Banken dem Pokerspiel und den Sportwetten sind. Seine mathematischen Erkenntnisse nutzt er, wenn er sich selbst mit anderen zum Pokerspiel trifft. Brown ist also kein Glückspielkritiker, seine Argumentation könnte aber dazu dienen, die Märkte stärker zu bändigen, auch wenn er selbst das gar nicht so sehr will.

Das „Streben nach Glück“ ist schließlich sogar in der US-Verfassung enthalten. Und haben nicht einst die vielen Einwanderer aus Europa mit ihrem unbändigen Drang, das Glück mit allen Mitteln zu erzwingen, in den USA Großartiges geschaffen? Ohne das irrationale Verlangen nach Glück einerseits und ohne große Zufälle andererseits gäbe es vielleicht gar keinen Fortschritt.

Aaron Brown, „Die Gesetze des Spiels“, Finanzbuch Verlag, 29,90 Euro. 

Nassim Taleb, „Der Schwarze Schwan“, Hanser Verlag, 24,90 Euro.

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