Karibik : Erdbeben verwüstet Haiti

Vermutlich mehr als hunderttausend Tote und flächendeckende Verwüstungen: Das sind die Folgen des schweren Erdbebens in Haiti. Selbst routinierte Helfer sind mit der Situation überfordert.

von
Erdbeben
Unter Trümmern. Eine Frau wartet auf Hilfe, steckt im Geröll fest. -Foto: AFP

BerlinZwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti arbeiten internationale Organisationen mit Hochdruck daran, den Menschen im Katastrophengebiet die dringend benötigte Hilfe zukommen zu lassen. Dabei kämpfen sie mit enormen logistischen Herausforderungen.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagte dem Tagesspiegel: „Obwohl bisher kein Hilfeersuchen vorliegt, unterbreitet die Bundeswehr selbstverständlich Vorschläge für konkrete und schnell umsetzbare Unterstützungsleistungen." Theoretisch ist auch denkbar, dass die Marine ihren Versorger „Frankfurt am Main“ entsendet, das als Lazarettschiff eingesetzt werden kann. Dessen notfallmedizinische Kapazität entspricht etwa der eines Kreiskrankenhauses.

Das Rote Kreuz erklärte, seine Organisation sei zwar gewohnt, mit Katastrophen in derart verarmten Ländern umzugehen. Die Situation in Haiti habe die Organisation jedoch überwältigt. "Es gibt einfach zu viele Menschen, die Hilfe benötigen", sagte ein Sprecher. Außerdem gebe es nicht ausreichend Ärzte und keine Medikamente mehr. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erklärte, sie könne Verletzte nur noch in Notunterkünften behandeln.

Das Beben der Stärke 7,0 hatte in Port-au-Prince Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, das Parlament und andere Gebäude einstürzen lassen. Tausende Menschen sind noch unter den Trümmern verschüttet. Viele Überlebende irren verzweifelt durch die Stadt und schliefen die zweite Nacht in Folge aus Angst vor Nachbeben auf den Straßen und in Parks. Krankenhäuser, Regierungsgebäude, der Präsidentenpalast, Kirchen und zahlreiche Wohnhäuser sind eingestürzt. Auch viele Schulen sind zerstört, zum Zeitpunkt des Bebens waren viele Kinder noch im Unterricht. Die Energie- und Wasserversorgung ist völlig zusammengebrochen.

Die Erdbeben-Katastrophe in Haiti
318943_0_c66be6d2.jpgWeitere Bilder anzeigen
1 von 49Foto: AFP
18.01.2010 16:19Rückblick: Am 18. Januar 2010 ruft die haitianische Regierung den Notstand in dem zerstörten Karibikstaat aus. -


Verzweifelt graben die Haitianer mit bloßen Händen im Schutt, in dem sie ihre Angehörigen vermuten. Die vor Ort ansässigen Hilfsorganisationen warten auf die dringend benötigte Unterstützung aus dem Ausland. "Die Hilfe muss jetzt von außen kommen", sagt Mike Stewart von Hope for Haiti. "Die Möglichkeiten der Helfer vor Ort sind vernichtet." Viele Hilfsorganisationen hätten selbst Opfer zu beklagen. Nach Ansicht eines UN-Mitarbeiters könnte das Beben die höchste Opferzahl von Mitarbeitern zur Folge haben, die je bei Ausübung ihres Mandats auf einen Schlag ums Leben kamen. Die UN-Mission besteht aus 7000 Soldaten und 2000 Polizisten.

Ausmaß der Zerstörung noch längst nicht bekannt

Die Straßen werden auch am Donnerstag, zwei Tage nach dem Beben, noch von Leichen gesäumt, nur einige von ihnen wurden mit Laken oder Kleidungsstücken bedeckt. "Das hier ist eine unmögliche Aufgabe", sagt ein freiwilliger Helfer, der Dutzende auf der Straße liegende Verletzte versorgt. Ein verzweifelter junger Mann schrie Reporter an: "Zu viele Menschen müssen sterben. Wir brauchen internationale Hilfe! Es gibt keinen Rettungsdienst, keine Lebensmittel, kein Wasser, kein Telefon, kein gar nichts!"

Das volle Ausmaß der Zerstörung ist noch längst nicht bekannt. Ein chilenischer UN-Blauhelmsoldat macht sich mit Kollegen daran, Trümmer von einer Straße zu räumen. "Wo sollen wir bloß anfangen? Und wie sieht es erst in den Gegenden aus, in die wir überhaupt nicht gelangen können?" Manuel Deheusch, ein haitianischer Geschäftsmann, der aus der benachbarten Dominikanischen Republik zurückkam, um nach Angehörigen und Freunden zu suchen, ist erschüttert. "Die Welt muss uns helfen! Dieses Desaster können wir nicht allein bewältigen."

Krankenhäuser, Regierungsgebäude, der Präsidentenpalast, Kirchen und zahlreiche Wohnhäuser sind eingestürzt. Auch viele Schulen sind zerstört, zum Zeitpunkt des Bebens waren viele Kinder noch im Unterricht. Die Energie- und Wasserversorgung ist völlig zusammengebrochen.

Augenzeugin: "Es ist die Apokalypse"

Botschafter des Karibik-Staates riefen die Weltgemeinschaft am Mittwoch auf, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre schnell zu helfen. In der Hauptstadt Port-Au-Prince, wo die Naturkatastrophe sowohl den Präsidentenpalast als auch die UN-Vertretung und Elendsviertel dem Erdboden gleichmachte, spielten sich chaotische Szenen ab. Vereinzelt wurden Plünderungen beobachtet. "Im Moment haben die Menschen nur Durst. Aber wenn auch noch der Hunger kommt, dann haben wir hier bald die totale Katastrophe", sagte eine deutsche Journalistin. Auf den Straßen lagen Tote, die behelfsmäßig mit weißen Laken zugedeckt wurden. "Es ist eine Apokalypse", sagte eine Augenzeugin. Rund 40 Prozent der Häuser in der Hauptstadt seien zerstört oder beschädigt.

Die haitianischen Behörden wurden völlig unvorbereitet von der Katastrophe getroffen. Anzeichen für organisierte Rettungsmaßnahmen der haitianischen Behörden gebe es nicht, schilderten Augenzeugen – und darauf könnten die Menschen auch nicht hoffen. "Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben", sagte Svenja Koch vom Deutschen Roten Kreuz.

Hilfe ist unterwegs

Als größtes Hindernis für schnelle, koordinierte Hilfsmaßnahmen erwies sich der Flughafen der schwer getroffenen Hauptstadt Port-au-Prince, der bislang nicht angeflogen werden konnte. Die Landebahn ist blockiert, der Kontrollturm zerstört, Teams des US-Militärs sind dabei einen "Behelfsturm" zu errichten. Landen können lediglich kleinere Transportflugzeuge. Eine Rot-Kreuz-Maschine brachte für das UN-Kinderhilfswerk Unicef 10.000 Plastikplanen, 4600 Wasserkanister, 5,5 Millionen Wasseraufbereitungstabletten, Medikamente gegen Durchfall, Kommunikationsausrüstung, zwei mobile Lagerhallen sowie Zelte und Erste-Hilfe-Pakete in die Stadt.

Viele Hilfsteams müssen allerdings den den Umweg über den Flughafen Santo Domingo im Nachbarstaat Dominikanische Republik nehmen. Dadurch verzögert sich die Ankunft der Hilfsgüter erheblich. "Man braucht drei Stunden bis zur Grenze mit dem Auto und dann noch mal zwei Stunden bis ins Katastrophengebiet", sagte ein Helfer. Deshalb erreichen die Bergungs- und Rettungsteams sowie Notärzte das Erdbebengebiet nur langsam. Diejenigen Hilfsorganisationen, die bereits vor Ort sind, zeigten sich schockiert und überfordert angesichts des Ausmaßes des Desasters.

Die USA schickten einen Flugzeugträger, weitere Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber für die Rettungsarbeiten. Der Flugzeugträger könne nach Angaben des US-Militärs auch als zusätzlicher Landeplatz für Hilfsgüter-Transporte dienen, da der Flughafen von Port-au-Prince überlastet sei. Zahlreiche weitere Länder – darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Spanien und Italien sowie Russland, Kuba und Brasilien –  entsandten Such- und Bergungsteams, Spürhunde sowie Notärzte. Die Internationale Föderation vom Roten Kreuz und Rotem Halbmond bereitete sich auf Hilfe für "ein Maximum von drei Millionen Menschen" vor.

Staatengemeinschaft versucht zu helfen

Viele Staaten und Organisationen kündigten umgehend finanzielle Nothilfe an. Deutschland sagte 1,5 Millionen Euro zu, die EU gewährte drei Millionen Euro. Die Weltbank stellte 100 Millionen Dollar (knapp 69 Millionen Euro) an Soforthilfe in Aussicht. Australien sagte neun Millionen US-Dollar zu, Brasilien zehn Millionen Soforthilfe. Auch Brad Pitt und Angelina Jolie spendeten eine Million Dollar.

UN-Generalsekretär Moon zeigte sich beeindruckt von der internationalen Hilfsbereitschaft. Erste Priorität müsse nun die Rettung Überlebender haben. Dabei zähle jede Stunde, so Ban. Er selbst will zusammen mit Bill Clinton, dem früheren US-Präsidenten und jetzigem UN-Sondergesandten für Haiti, nach Port-au-Prince reisen. "Wir werden auf jeden Fall die Hilfsarbeiten inspizieren, allerdings nicht gleich jetzt." Clintons Hilfe werde dringend benötigt: "Er hat als Gouverneur, als Präsident und auch bei der Flutkatastrophe in New Orleans bewiesen, wie er mit seiner Reputation Hilfe organisieren kann."

Clintons Ehefrau, US-Außenministerin Hillary Clinton, brach eine Asienreise ab, um von Washington aus die US-Hilfe zu koordinieren. Clinton verglich das Erdbeben in Haiti mit der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 im Indischen Ozean, durch die mehr als 220.000 Menschen starben. Der Tsunami sei eine "schreckliche Tragödie" mit einer hohen Zahl an Todesopfern gewesen. Auch nach dem Beben in Haiti sei ebenfalls mit einer hohen Opferzahl zu rechnen.

Chef der UN-Friedensmission unter den Opfern

Der Präsident nannte die Schäden in seinem Land "unvorstellbar". Préval betonte, es bestehe weiter Gefahr durch einstürzende Gebäude sowie das Risiko von Seuchen. Zudem seien die Straßen verstopft: "Wir müssen erst mal die Straßen freiräumen, um Hilfe durchzubekommen." Schuttberge, die zusammengebrochene Strom- und Wasserversorgung und ein defektes Telefonnetz erschwerten die Arbeiten.

Inzwischen treffen immer mehr Verletzte auch im Nachbarland Dominikanische Republik ein. Unter den Hilfsbedürftigen sind nach Schilderungen eines Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP auch dutzende Schwerverletzte und Kinder, die zum Teil schwere Kopfverletzungen haben und verstümmelt wurden. Die Menschen würden in Bussen aus dem rund 280 Kilometer entfernten Port-au-Prince ins Krankenhaus der kleinen Grenzstadt Jimani gebracht.

Nach Auskunft des haitianischen Präsidenten Réné Préval kam auch der Chef der UN-Friedensmission in Haiti (Minustah), der Tunesier Hedi Annabi, beim Einsturz des UN-Gebäudes ums Leben. Ein starkes Beben gab es auch in Indonesien. Über Opfer war zunächst nichts bekannt.

Hilfsorganisationen fordern zum Spenden auf

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, „Deutschland wird, wo immer es kann, den Menschen in Haiti beistehen“. Notfallhilfe und Nahrungsmittelversorgung soll über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) erfolgen, sagte Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Im Auswärtigen Amt wurde ein Krisenstab eingerichtet. „Ich bin bestürzt über das Ausmaß der Erdbebenkatastrophe“, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) nach einem Telefonat mit dem deutschen Botschafter in Haiti. Es sei nicht auszuschließen, dass Deutsche unter den Opfern sind. Laut der Sprecherin der Hilfsorganisation World Vision Deutschland, Iris Manner, „haben unsere Mitarbeiter, die in Haiti leben, selbst Häuser verloren und suchen noch nach Angehörigen“.

Noch am Abend flogen vier Experten des Technischen Hilfswerks (THW) zur Erkundung in die Krisenregion, sagte THW-Chef Albrecht Broemme dem Tagesspiegel. Das „Armenhaus der Welt“ sei völlig auf fremde Hilfe angewiesen, da es seit 1995 vor allem aus Kostengründen kein Militär mehr habe, das jetzt helfen könne. „So einen Fall habe ich überhaupt noch nie erlebt.“ Die Menschen auf der Insel Hispaniola, auf deren östlichen Hälfte die offenbar nicht betroffene Dominikanische Republik liegt, sind nun auch von Trinkwasser abgeschnitten.

Das Deutsche Rote Kreuz will am Freitag von seinem Logistikzentrum im Flughafen Berlin-Schönefeld aus ein mobiles Gesundheitszentrum sowie zwei Geländewagen ausfliegen. Caritas International stellt 100 000 Euro Soforthilfe bereit und ruft die Deutschen zu Spenden auf. Erste Mitarbeiter sollten Donnerstagabend Haiti erreichen.

Die Erde hatte am Dienstag gegen 17 Uhr Ortszeit (23 Uhr MEZ) gebebt. Bereits der erste und schwerste Stoß in 10 Kilometer Tiefe erreichte eine Stärke von 7,0. Es folgten mehrere Nachbeben, die die Stärke 5,9 erreichten. Das Epizentrum lag etwa 20 Kilometer südlich der Hauptstadt in der Region einer aktiven Plattengrenze. Die Erschütterungen wurden ausgelöst, weil dort die Nordamerikanische und die Karibische Platte aufeinandertreffen, wobei sich die Karibische Platte mit einer Geschwindigkeit von etwa sieben Millimetern pro Jahr zur Nordamerikanischen Platte nach Osten bewegt. rtr/AFP/dpa

Hier können Sie spenden:

Welthungerhilfe
Stichwort: Nothilfe Haiti
Sparkasse KölnBonn
Konto 11 15
BLZ 370 501 98

Aktion Deutschland Hilft
(Bündnis von deutschen Hilfsorganisationen)
Stichwort: Erdbeben Haiti
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 10 20 30
BLZ 370 205 00

Kindernothilfe
Stichwort: Erdbeben Haiti
KD-Bank eG
Konto: 45 45 40
BLZ 350 601 90

Diakonie Katastrophenhilfe
Stichwort: Erdbeben Haiti
Postbank Stuttgart
Konto 502 707
BLZ 600 100 70

Caritas international
Stichwort: Erdbeben Haiti
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
Konto 202
BLZ 660 205 00

Unicef
Stichwort: Haiti
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 300 000
BLZ 370 205 00

Ärzte ohne Grenzen
Stichwort: Haiti und andere
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 97 0 97
BLZ 370 205 00

Deutsches Rotes Kreuz
Stichwort: Haiti
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 41 41 41
BLZ 370 205 00

Plan International Deutschland e.V.
Stichwort: Haiti/Katastrophenhilfe
Postbank Hamburg
Konto 0001 623 207
BLZ 200 100 20

Christoffel-Blindenmission
Stichwort: Haiti
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 2020
BLZ 370 205 00

CARE
Stichwort: Haiti
Sparkasse KölnBonn
Konto 4 40 40
BLZ 370 50 198

SOS-Kinderdorf e.V.
Stichwort: Nothilfe Haiti
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 780 800 5
BLZ 700 205 00

Oxfam Deutschland e.V.
Stichwort: Erdbeben Haiti
Bank für Sozialwirtschaft
Konto 13 13 13
BLZ 370 205 00

Misereor
Stichwort: Erdbeben Haiti
Pax-Bank Aachen
Konto 10 10 10
BLZ 370 601 93


0 Kommentare

Neuester Kommentar