Karlheinz Böhm wird 80 : Ein Mann, zwei Leben

Seinem Image als Märchenkaiser versuchte Karlheinz Böhm in Hollywood zu entkommen. Dann entdeckte er spät eine soziale Ader – auch durch den Einfluss des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder.

Elisabeth Binder,Hans Günther Pflaum
Karlheinz Böhm
Karlheinz Böhm in der Sahelzone (undatiertes Archivbild). -Foto: ddp

Zwei ganz unterschiedliche Leben zu erleben, ist ein Grund zum Feiern – besonders wenn jedes seine eigenen Höhepunkte aufweist. Die persönliche Wende im Leben des Karlheinz Böhm, der an diesem Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, begann mit einer Wette. Nicht einmal jeder dritte Zuschauer würde eine Mark spenden für die Not leidenden Menschen in der Sahelzone, sagte er im Mai 1981 in der Fernsehshow „Wetten, dass…?.“ Bei der Wette kamen 1,2 Millionen Mark (rund 610 000 Euro) zusammen. Die Summe reichte als Grundlage für Böhms Lebenswerk.

Karlheinz Böhm, der Sohn des Dirigenten Karl Böhm und der 1981 gestorbenen Sopranistin Thea Linhardt, hatte zu Beginn seiner Laufbahn das Pech, im deutschen Kino der Fünfzigerjahre arbeiten zu müssen. Dabei hatte er vor allem mit Regisseuren zu tun, die sich als biedere, risikofreie Handwerker verstanden. Mehr als in anderen Jahrzehnten gehörten damals „Traumpaare“ zum deutschen Kino, nach der Barbarei der Nazis am liebsten Monarchen. Eines dieser Paare bildeten Karlheinz Böhm und Romy Schneider. Als Kaiser Franz Joseph war Böhm fast ebenso populär wie Romy als Sissi. „Ich weiß nicht, wie viel Prinzen, Fürsten, Könige und Kaiser ich damals hätte spielen können“, erzählte Böhm später. Doch er suchte, wie Romy Schneider, den Weg ins Ausland.

Seinem Image als Märchenkaiser versuchte er in Hollywood zu entkommen. Unter anderem spielte er einen psychopathischen Serienmörder in dem Kultfilm „Peeping Tom“. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er in den siebziger Jahren mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder zusammen in „Faustrecht der Freiheit“ und „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“.

Die Zusammenarbeit mit Fassbinder war für Böhm der Beginn einer unerwarteten Entwicklung. „Es gibt zwei Männer in meinem Leben“, erzählte Böhm 1992, „die mich zutiefst beeinflusst haben. Der eine war zweifellos mein Vater, der andere war ein scheinbarer Kontrast dazu, Rainer Werner Fassbinder, durch den ich, wenn ich es in der Retrospektive sehe, überhaupt erst ein politisches Bewusstsein erlangt habe.”

Damals, in den siebziger Jahren, verstärkte sich Böhms Sensibilität für soziale und internationale Fragen. Fast unmerklich begann sein Leben auf die große Wende zuzusteuern. Bei einem Kuraufenthalt in Kenia fasste er den Plan, Afrika zu helfen. Die ZDF-Wette war wohl eine Folge dieses Vorsatzes. Eigentlich steckte er in jenem Jahr in einer Krise, plagte sich mit depressiven Verstimmungen herum. Es ist schwer zu sagen, was aus dem einst gefeierten Schauspieler geworden wäre, wenn er nicht im November 1981 in Äthiopien die Organisation „Menschen für Menschen“ gegründet hätte. Nachdem er das Leid der Menschen gesehen hatte, wollte er nicht mehr zurück in sein altes Leben. Sein Zorn über den ungerechten Unterschied zwischen Arm und Reich hatte eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden, die Traurigkeit in seinem eigenen Leben überwand er, indem er das Leben von Millionen Afrikanern zum Positiven wendete.

„Mister Karl“, wie ihn die Afrikaner nennen, hat von Anfang an ohne Honorar für seine Stiftung mehrere Monate im Jahr unter sehr einfachen Bedingungen in Äthiopien gelebt. In der restlichen Zeit ist er umhergefahren, um bei Fernsehauftritten und Vorträgen über die Arbeit von „Menschen für Menschen“ zu informieren. Im letzten Jahr waren 668 Mitarbeiter für die Stiftung im Einsatz, darunter allerdings nur sieben Europäer. Seit der Gründung ist die Summe von mehr als 300 Millionen Euro zusammengekommen.

Auch persönliches Glück hat Böhm in seinem neuen Leben gefunden. 1991 heiratete er seine äthiopische Frau Almaz, die er in einem Flüchtlingslager kennen- lernte. Es sei nicht Liebe auf den ersten Blick gewesen, hat er einmal erzählt. Aber die Liebe ist offensichtlich immer größer geworden. Das merkt man den beiden an, zum Beispiel wenn die 37 Jahre jüngere Frau Almaz, eine studierte Landwirtin, an seiner Seite mit blitzenden Augen und in fließendem Deutsch von den Verbesserungen in ihrer Heimat erzählt. Nicht nur, dass mehr als 140 000 Menschen an Alphabetisierungskampagnen teilnehmen konnten. Ihrem Mann sei es auch gelungen, Tabus zu brechen und erfolgreiche Kampagnen gegen Kinderheirat und Beschneidung von Frauen zu starten. Sie selbst hätte sich nie getraut, etwas gegen solche alten Traditionen zu unternehmen, erzählt sie.

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