Welt : Karneval am Rosenmontag: Schnellkurs im Bützen

Holger Müller-Hillebrand

Die Stofftaschen weit öffnen, beide Arme nach oben strecken und aus vollem Hals "Kamelle" und "Strüßjer" rufen! Was ein echter Kölner Jeck ist, der hat auch dieses Ritual der Jagd nach Süßigkeiten und Blumensträußen längst perfektioniert. Etwa so wie Helmer Schipper, der sich gemeinsam mit 30 Freunden und Nachbarn bereits lange vor dem Eintreffen der ersten Wagen in der Innenstadt postiert und mit Wasserkisten und Holzbrettern eine eigene Tribüne gebastelt hat. Den anderen Narren um einige Kopflängen voraus, lässt es sich besonders gut um die Wurfmaterialien betteln.

Zum Thema Fotostrecke: Karneval weltweit
Jedoch: Die Grundregeln müssen natürlich auch dann beachtet werden - vor allem, wenn man an die begehrten Tulpen, Rosen und Nelken kommen will. "Ganz wichtig ist der Blickkontakt", klärt eine als Zauberin verkleidete Närrin ihre Freundin auf. "Du musst versuchen, einen auf dem Wagen zu fixieren - pass auf, so!" Und dann streckt die Zauberin ihre Hände zum Himmel, ruft "Strüßjer", lächelt und zwinkert. Die ihr zugedachte Tulpe bekommt sie dennoch nicht - ein anderer Jeck war schneller und hat sie auf dem Luftweg abgefangen. Wer solch herbe Enttäuschungen vermeiden will, macht es wie Mareike.

In der ersten Reihe, noch vor der Absperrung steht die Kölnerin und verbeugt sich so ziemlich vor jedem vorbeimarschierenden Karnevalisten: "Alaaf!" Ihr Einsatz zahlt sich aus: Innerhalb kürzester Zeit ist ihre Tasche mit roten und gelben Blumen gefüllt. Doch dafür muss sie auch das ein oder andere Küsschen verteilen - "bützen", wie dies der Kölner nennt. Solch Körpereinsatz ist nicht jedermanns Sache. Und so greifen auch die vielen Jecken, die den Zug aus einiger Distanz von den Fenstern aus verfolgen, zu immer neuen Tricks, um an Kamelle und Strüßjer zu gelangen. So wie Hartmut, der mit Nachbarn und Freunden in seinen eigenen vier Wänden feiert. Vor der Fensterfront hat er ein großes Netz gespannt, in dem sich schon nach den ersten Wagen zahllose Dinge verfangen haben, darunter zahlreiche Süßigkeiten.

Das Spitzenereignis des Karnevals hat mehr als drei Millionen Zuschauer zu den Rosenmontagsumzügen gelockt. Bei milden Temperaturen um zehn Grad und nur gelegentlichen Regenschauern feierten allein in Köln 1,3 Millionen Jecken und in Düsseldorf fast eine Million bei dem närrisch-bunten Treiben mit. In Mainz blieb die Zahl mit 450 000 etwas unter den Erwartungen. An passenden Themen für die Motivwagen fehlte es nicht: Dort fand die Kritik am Euro und dem Gebaren prominenter Politiker in riesigen Pappmache-Figuren Ausdruck.

In Köln ging es bereits um 11 vor 11 los unter dem Motto "Janz Kölle es e Poppespill" (Ganz Köln ist ein Puppenspiel) als Reverenz an den 200. Geburtstag des Hänneschen-Puppentheaters. 95 Festwagen und Kutschen sowie 124 Kapellen zogen 6,5 Kilometer durch die Straßen. Auf die Menge im Spalier regneten 140 Tonnen Süßigkeiten, über 700 000 Tafeln Schokolade und 220 000 Schachteln Pralinen herab.

Für Gelächter sorgten ein geklonter Bundeskanzler Gerhard Schröder, Außenminister Joschka Fischer beim Versuch, ein Friedenskamel durch ein Nadelöhr zu ziehen, und Verteidigungsminister Rudolf Scharping als nackter Liebesengel Amor mit dem Motto "Vom Pool in die Traufe".

In Düsseldorf ritt Stoiber vergnügt lächelnd im 5,5 Kilometer langen närrischen Lindwurm mit - auf einer gebändigten Hirschkuh mit dem Gesicht der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel. Auf einem anderen Motivwagen züngelten der Regierende Bürgermeister von Berlin, Wowereit, und sein PDS-Wirtschaftssenator Gysi. Und auch die Grünen bekamen ihr Fett weg: Krampfhaft hielt sich auf einem der Wagen ein grüner Frosch an den Sesseln der Macht fest. Die Friedenstaube dient ihm nur noch als Fußschemel. Unter dem Motto "Dank Euro wird die Fastnachtsfeier jetzt aach in Määnz nur halb so deier" feierten 450 000 Narren den Mainzer Rosenmontagszug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben