Karrierewechsel : Als die Bankerin zur Nonne wurde

Als Bankerin schuftete sie zwölf Stunden am Tag. Das war früher, bevor sie sich fragte: Wozu das alles? Antworten hat sie im Kloster gefunden. Hier lebt sie als Nonne. Und manchmal staunt sie über sich selbst.

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Gottvertrauen. Ihr erstes Gelübde hat Schwester Katharina schon abgelegt. Das nächste wird für die Ewigkeit sein. Foto: Andreas Heddergott
Gottvertrauen. Ihr erstes Gelübde hat Schwester Katharina schon abgelegt. Das nächste wird für die Ewigkeit sein. Foto: Andreas...

Um 4.40 Uhr, wenn die Welt noch schläft, steht Schwester Katharina auf. Sie beginnt den Tag in der Gewissheit, dass er ablaufen wird wie gestern, wie vorgestern und wie alle Tage zuvor.

Beten und Arbeiten, Ora et Labora, werden sich abwechseln. Schwester Katharina wird Orgel spielen und in der Gemeinschaft essen. Sie wird sich in Choralsingen und Kirchengeschichte üben und die Bibel lesen. Vier Mal werden die Schwestern zusammenkommen in ihrer Kapelle, um bis zu eine Stunde lang zu beten und zu singen. Die Tage werden kommen und gehen, so hat es sich Schwester Katharina gewünscht. So wird es weitergehen – bis zum Ende ihres Lebens.

Schwester Katharina versprach, ein Leben nach den Regeln des Heiligen Benedikt zu führen, der im sechsten Jahrhundert in Italien lebte: Beständigkeit, Armut, Gehorsam gegenüber Gott und den Mitschwestern. In ihrem früheren Leben hatte sie ein Auto, eine Wohnung, ein Konto bei der Bank. Heute sind in ihrem acht Quadratmeter großen Zimmer Fotos der Familie und das Metallkreuz ihrer Großmutter das einzig Persönliche. Wenn sie Schuhe braucht oder eine neue Brille, bittet sie die Priorin um Geld. Sie trägt nun ein immer gleiches graues Ordenskleid und einen schwarzen Schleier. „Ich merke, wie gut mir Regelmäßigkeit und Gemeinschaft tun“, sagt sie. Sie hat danach gesucht.

Sie kennt es auch anders. Damals, als Schwester Katharina noch Kathrin Rohrmann war.

Sie brauchte Zeit, organisatorisch und innerlich, wie sie sagt, um ihre Wohnung aufzulösen, um alte Freunde zu treffen. Um ihre Arbeit bei der Deutschen Bank zu kündigen und an ihren Nachfolger zu übergeben. Um mit ihren Eltern und dem Bruder noch einmal in den Ski-Urlaub in die Schweiz zu fahren, ein letztes Mal. Und um immer wieder nachzuspüren: Ist es das Richtige, was ich hier gerade tue?

Vor vier Jahren trat die heute 36 Jahre alte Schwester in den katholischen Orden der Missions-Benediktinerinnen in Tutzing ein, sie ging ins Kloster. Sie war eine junge Frau, die ein Leben hatte, in dem sie zufrieden war oder sogar glücklich. Die einen Beruf hatte, in dem ihr die Karriere offenstand. Eine, die zurechtkam in der Welt und die sich dann doch entschied, ein weltliches Leben so nicht führen zu wollen. „Das war einfach noch nicht alles“, sagt sie.

Das Kloster, in dem sie heute lebt, wurde vor rund 100 Jahren gegründet. Es liegt direkt am Starnberger See, knapp 30 Kilometer südlich von München. Rund um das hellgelb gestrichene Gebäude blühen Rosenstöcke in Rot und Violett, Sonnenblumen und Azaleen. 70 Schwestern leben hier, jede hat ihre Aufgabe, ihren Platz, und vielleicht liegt auch deshalb eine so unaufgeregte Ruhe über dem Ort. Draußen, sagt Schwester Katharina, ist alles laut. „Das deckt das Innere zu“, sagt sie. Hier jedoch, auf einer Insel der Stille mitten in der Welt, ist schon im Rhythmus der Tage die Ruhe angelegt.

In der familiären Glaubensgemeinschaft wurde sie groß, schon als Kind war sie Ministrantin in der Pfarrgemeinde im Sauerland, die Mutter Lehrerin, der Vater Buchdruckermeister. Auch während der Ausbildung zur Industriekauffrau und dem Studium der VWL in Konstanz war der Glaube ihr Begleiter. „Ich sehe das als großes Geschenk“, sagt sie.

Und doch sei der Glaube während des Studiums nur schlummernd vorhanden gewesen, sagt sie, die Gemeinschaft fehlte. „Ich war nie der Disco-Typ“, sagt sie – aber sie genoss die Zeit und ihre Unabhängigkeit. Sie lebte in einer WG internationaler Studenten. Sie hatte zwei Beziehungen, die wieder zerbrachen. Es waren gute Erfahrungen, sagt sie, nur menschlich hat es nicht gepasst. Sie verbrachte ein Austauschjahr in Montreal, surfte, reiste durch Australien, die USA und auf die Fidschi-Inseln. Schließlich zog sie nach Stuttgart, um im Credit Risk Management der Deutschen Bank zu arbeiten. „Mir liegen strukturiertes Arbeiten und logisches Denken“, sagt sie, „ich bin ein Kopfmensch.“ Und die Religion? Man könne auch rational an den Glauben herangehen. Gerade dabei werde deutlich: „Letztlich ist Gott der Größte.“

Zwölf-Stunden-Tage in der Bank waren nicht selten, „der ganze Einsatz war gefordert“, auch darin liegt Konsequenz. Sie beschäftigte sich mit Bonitätsbewertungen von Unternehmen, mit der Analyse und Überwachung von Kreditvergaben. Mit der Zeit kamen Fragen auf – an sie selbst und an ihr ganzes Leben. Die Realität der Arbeitswelt, sagt sie, hat sie zweifeln lassen. Wie Menschen als Humankapital behandelt werden, wie sich Entscheidungen im Großen auf Mitarbeiter im Kleinen auswirken. Sich deshalb politisch zu engagieren, sagt sie, zog sie nicht in Betracht. Sie wollte keine Regeln ändern, sondern welche befolgen. Nur sollten es die richtigen sein.

Vielleicht, dachte sie, gibt es noch etwas anderes, das du machen möchtest. „Ich bin ergebnisoffen an diese Frage herangegangen“, sagt sie. Aber sie wusste, dass sie die Antwort darauf in religiösem Rahmen suchen wollte. Sie fand den Auftritt des Tutzinger Klosters im Internet, das auch ein zehntägiges „Kloster auf Zeit“ anbietet, einen Besuch im Gästehaus des Ordens. Dort zog sie ein, zur Probe.

Sie sei erstaunt gewesen über sich selbst, sagt sie. Aber sie hatte auch das Gefühl, anzukommen: In der Gemeinschaft und ihrem Zentrum, der Kapelle der Missions-Benediktinerinnen, in der das Hintergrundrauschen der Welt zu versiegen scheint. Die Schwestern sind kaum zu unterscheiden, wie sie die Köpfe senken und knien. Wie sie Gebete rezitieren auf Deutsch und Latein, die seit hunderten Jahren dieselben sind, und singen, die tausende Schwestern vor ihnen gesungen haben. Würde nicht ein Kreuz aus Acrylglas über dem Altar hängen und der helle, nüchterne Raum nicht darauf schließen lassen – man wüsste kaum, in welcher Zeit man sich befände.

Heute gibt es in Deutschland laut deutscher Ordensobernkonferenz rund 22 000 katholische Ordensfrauen. 101 Novizinnen bereiten sich momentan auf das Ordensgelübde vor, unter ihnen Schwester Katharina. Von ihren Mitschwestern in Tutzing sind nur 20 jünger als 50, im Schnitt sind sie 68 Jahre alt.

Seit ihrem ersten Besuch in Tutzing, sagt Schwester Katharina, gefielen ihr die Stundengebete in der Kapelle besonders. „Das gemeinsame Beten ist zentral“, sagt sie, Gebetszeiten allein kommen noch dazu. Es ist ein Sprechen von dem, was sie beschäftigt, sagt sie – ob es theologische Fragen sind, Alltagsprobleme oder auch existenzielle. Und in einigen Momenten brauche es keine Worte.

Auf die ersten Tage folgten einige Wochenenden im Kloster, sie verbrachte die Ostertage dort, sie sprach mit den Schwestern. Ein Jahr lang kehrte sie immer wieder zurück. „Und irgendwann“, sagt sie, „stellte sich die Frage, ob es eine Lebensform sein könnte.“ Sie, die Rationale, schrieb eine Pro- und Contra-Liste: Karriere und die Möglichkeit, eine Familie zu gründen auf der einen Seite, das Leben nach dem Evangelium auf der anderen. In den Mittagspausen der Bank besuchte sie den Gottesdienst, ohne zu einem Entschluss zu kommen. „Klargesehen habe ich erst, als Entscheidungen im Job anstanden“, sagt sie.

Sie hätte nach Japan gehen, Karriere machen können. Sie entschied sich dagegen. Bei einem Kurzurlaub mit den Eltern sagte sie: „Ich werde kündigen.“ Ihre Mutter, die zwar wusste von einigen Besuchen im Kloster, mit der sie zuvor aber nie über diese Möglichkeit gesprochen hatte, fragte nur: „Und wann gehst du nach Tutzing?“ Sie ging ein halbes Jahr später.

Die Reaktionen waren nicht negativ, aber überrascht: vom Abteilungsleiter, von Kollegen und Freunden, von denen die meisten ihren Weg unterstützt, aber nicht immer ganz verstanden haben. Nur vereinzelt gab es Bedenken – und Fragen: Warum? Und was machst du dann dort?

Einige Stunden am Tag arbeitet sie in der Spendenverwaltung des Ordens, der sich durch Arbeiten inner- und außerhalb des Klosters selbst finanziert. In der Verwaltung gibt es Internet, in Gemeinschaftsräumen auch Fernseher. Mehr als zweimal die Woche, sagt sie, komme sie nicht dazu, Nachrichten zu sehen. Natürlich weiß sie von der Krise der Finanzwelt. Sie ist ganz froh, nicht mehr dabei zu sein. Und natürlich werden auch hier, im früheren Bistum Bischof Mixas, die Missbrauchsfälle in der Kirche diskutiert. Es mache sie traurig, sagt sie, aber es sei kein Grund, aus der Kirche auszutreten – die Zeit müsse als Chance zur Erneuerung genutzt werden.

„Ach Gott“, sagt sie, wenn sie nachdenkt, sie habe natürlich etwas hinter sich gelassen. Die Reisen, ein Stück Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit. Und wenn man Freiheit definiere als tun und lassen können, was man will, dann auch das. „Es war ein Einschnitt, ein Neuanfang“, sagt sie. „Aber ich spüre heute eine größere Freiheit in mir als früher.“

Ohne Glaube, sagt Schwester Katharina, wäre ihr Leben ohne Hoffnung und Zukunft. Das erste Gelübde im Orden hat sie auf drei Jahre hin abgelegt. „Aber ich halte mir keine Rückkehrmöglichkeit offen“, sagt sie und lächelt. Das zweite Gelübde wird für die Ewigkeit sein.

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