Welt : Karten des Schicksals

Immer mehr Menschen wollen am gigantischen Pokerboom teilhaben. Trotz aller Risiken. Oder wegen ihnen

Paul Dalg

Jetzt bloß keine Miene verziehen, kein Blick, der alles verraten kann. Hat er das Full House? Das fehlende Ass? Oder ist alles nur der ganz große Bluff? Schweißperlen hinter der Sonnenbrille. Jeder Fehler kann der letzte sein, beim Pokern. Egal ob in der Kneipe nebenan, am Wohnzimmertisch oder im Internet – es wird neuerdings gepokert wie nie zuvor, auch und vor allem in Deutschland. Der letzte James-Bond-Film „Casino Royale“ hat den Trend zusätzlich befördert.

Mit dem Erfolg eines kleinen unbekannten Amateurspielers fing es an: Der Amerikaner Chris Moneymaker machte vor drei Jahren bei dem größten Pokerturnier in den USA, den World Series of Poker, aus 40 Dollar Einsatz 2,5 Millionen Dollar Gewinn. Er hatte sich zuvor online in Qualifikationsrunden gegen mehrere Hundert Gegner durchgesetzt und damit die Teilnahmegebühr von 10 000 Dollar gewonnen. 838 Gegner ließ er anschließend bei dem Turnier hinter sich, darunter teilweise millionenschwere Pokerhaie. Ein wahres Märchen, in den USA von Journalisten liebevoll Cinderella-Story genannt. Spätestens seit Moneymaker weiß es die ganze Welt: Beim Pokern kann jeder gewinnen. Egal ob Familienvater oder Student – im Internet braucht man schließlich keine Sonnenbrille. Onlinepoker boomt. In einschlägigen Internetforen wird Pokern bereits als Nebenjob angepriesen, Stundenlohn bis zu 16 Dollar, sagt man. Auf anderen Seiten werden private Pokerrunden rund um Berlin gesucht. Pokern hat ein neues Image. Es spielen nicht mehr Loser um ihre paar letzten Kröten. Poker ist salonfähig geworden, aus der Schmuddelecke heraus und vor allem – cool. Das Spiel der großen Bluffs, wie damals, im Wilden Westen, als Männer noch echte Männer waren.

Der Pokerboom in Deutschland ist so weit vorangeschritten, dass die Sportsender DSF und Eurosport seit Monaten mit großem Erfolg Poker senden. DSF setzte sogar lukrative Call-in-Shows ab, um mehr Poker senden zu können. Auch normale deutsche Casinos sehen sich einer steigenden Nachfrage von Pokerturnieren gegenüber. Die Spielbank Berlin am Potsdamer Platz bietet an drei Tagen in der Woche Poker an. „Wir hatten gerade bei den Deutschen Meisterschaften im November einen Ansturm auf die Pokertische, den wir so nicht erwartet haben“, sagt Bernd Schäfer, Direktor des klassischen Spiels der Spielbank Berlin. „Wir hatten zehn Tische, hätten aber auch ohne Probleme 20 aufstellen können.“ Außerdem sei das Durchschnittsalter der Spieler erheblich gesunken, sagt er weiter. Der Verband der deutschen Automatenindustrie schätzt die Zahl der Deutschen in Internetcasinos auf 2,9 Millionen. Inoffizielle Schätzungen gehen jedoch von über vier Millionen deutschen Spielern aus, die im Internet in Casinos aktiv sind.

Wie viele in den Spielgeldbereichen üben, lässt sich kaum abschätzen. Das Spiel ist längst ein Riesengeschäft – selten für die Spieler. Der weltgrößte Pokeranbieter partygaming plc zählte zu Hochzeiten über 70 000 von ihnen gleichzeitig auf den Servern. Allein im letzten Quartal meldeten sich knapp 300 000 neue Spieler an. Der deutsche Sportwettengigant bwin.de erkannte den Trend und investierte in einen Pokerraum. Binnen eines Quartals stieg der Umsatz der Pokersparte von 1,9 auf 2,7 Millionen Euro. Gelockt wird mit einer eigenen „PokerSchule“ und vergleichsweise niedrigen Mindesteinzahlungen; ab zehn Euro kann es losgehen. Das System ist simpel: Die Registrierung dauert fünf Minuten, im Spielgeldbereich lernt man die Grundlagen. Wer gleich richtig loslegen will, zahlt per Kreditkarte einen Betrag auf sein virtuelles Konto und startet sofort am Tisch mit den echten Grundeinsätzen. Ob zwei oder 200 Dollar, alles ist möglich. Dass bwin.de dabei nur im Besitz alter DDR-Lizenzen für Sportwetten und einer Casinolizenz für Gibraltar ist, stört dabei höchstens den Staat. Glücksspiel ist in Deutschland nur in lizenzierten Casinos erlaubt, das Onlinepokern ist also illegal. Aber gibt es im Internet deutsche Grenzen? Die umstrittene Rechtslage verhindert jedenfalls nicht, dass die Zahl der Deutschen in Internetcasinos konstant steigt. Wie gigantisch die Gewinne für die Anbieter sind, zeigt der Run auf den europäischen Markt: Seit der US-Senat ein Gesetz beschloss, das Amerikanern verbietet, Geld direkt zu Internetcasinos zu überweisen, ist der amerikanische Markt praktisch zusammengebrochen. Prompt kündigten Internetcasinos wie partygaming plc an, sich besonders dem europäischen Markt zu widmen.

Die wachsende Pokergemeinschaft jedenfalls interessiert die Schlacht um Recht und Gesetz überhaupt nicht. Die neue Generation der „jungen wilden“ Zocker spielt eine neue Art von Poker: wissenschaftlich, mathematisch, analytisch. Statt aus dem Bauch heraus wird alles blitzschnell in Zahlen umgewandelt: Die Wahrscheinlichkeit, mit zwei Assen zu beginnen? 0,45 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, mit der letzten Karte doch noch die Straße zu treffen? 17,4 Prozent. „Pott Odds“ nennt sich das System, mit dem man anhand der Anzahl der verbleibenden Karten die Chancen errechnet, noch eine der gewünschten Karten zu bekommen. Diese Chance setzt man dann in Relation zur Größe des potenziellen Gewinns und der Vermutung, was die gegnerischen Spieler in der Hand haben könnten.

Hobbymathematiker und Aus-demBauch-heraus-Spieler kommen dagegen allenfalls kurzzeitig zu Erfolg. Zwar fährt man online in den Spielgeldbereichen schnell erste Gewinne ein, ein Erfolgstaumel ist jedoch gefährlich und höchstens für den Anbieter lukrativ. Denn hat man sich erst einmal ins Haifischbecken der „Real-Money-Tables“ begeben, bekommt man ohne Disziplin und Selbstbeherrschung kaum ein Bein auf den Boden. Jetzt geht es um richtiges Geld. Hier kann jede Aufladung des eigenen Kontos schmerzhafte Folgen haben.

Selbst mit Pott Odds und Disziplin stellt sich nicht automatisch der Erfolg ein, eine einzelne Entscheidung am Pokertisch ist immer noch Glück. Suchtexperten meinen, gerade im Glauben, sein Glück beherrschen zu können, liege die Gefahr der Glücksspielsucht. Und kaum jemand schafft es, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Egal ob Großverdiener oder Gelegenheitsjobber, dem Goldrausch erliegen viele. Zu verlockend ist der Traum, reich zu werden, ohne dafür arbeiten zu müssen. Doch anstatt Millionär zu werden, sinken die Spieler oft immer weiter hinab. Verluste werden mit höheren Einsätzen wettgemacht, die wieder höhere Verluste nach sich ziehen. Ein Teufelskreis, der berüchtigte „tilt“, wie er im Pokerjargon genannt wird.

Trotz aller Risiken – oder wegen ihnen – spielen immer mehr mit. Die World Series of Poker 2006 setzte im August dieses Jahres mit 8773 Startern eine neue Höchstmarke. Der diesjährige Gewinner des „Main Event“, der 29-jährige Jamie Gold, bekam rekordverdächtige zwölf Millionen Dollar. Selbst der 8. Platz wurde dieses Jahr noch mit einer Million Dollar bedacht. Der Gewinner der deutschen Pokermeisterschaften, die im November in der Spielbank Berlin am Potsdamer Platz stattfanden, bekam immerhin 38 000 Euro. Chris Moneymaker, der den Mythos „spielend reich werden“ so gut verkörpert wie niemand sonst, hat seit 2003 kein Turnier mehr für sich entschieden. Finanzielle Probleme hat der gelernte Buchhalter trotzdem nicht: Er nutzte sein Image als Aushängeschild für einen großen Onlinepokeranbieter und verdient jetzt auf der anderen Seite des Tisches mit. Gerüchten zufolge hat er durch Selbstvermarktung mehr verdient als je am Pokertisch.

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