Welt : Kasseler Habichtswaldklinik: "Meist trifft es die Idealisten"

Achtzehn Frauen und Männer sitzen im Kreis und lauschen einem Referenten. Die Umgebung gleicht einem Business-Hotel, auffällig ist nur, dass die Teilnehmer ihre Schuhe ausgezogen haben und die Füße auf weichen Kissen ruhen. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Fortbildung für leitende Angestellte, ist in Wirklichkeit Teil einer klinischen Therapie für Patienten mit Burnout-Syndrom.

Im "Saal der Klarheit" in der Kasseler Habichtswaldklinik lassen sich im Berufsleben "ausgebrannte" Menschen von Chefarzt Dr. Christoph Kurtz-von Aschoff den Zusammenhang von Psychosomatik und Spiritualität erklären. Beides fließt im speziellen Therapieangebot der Klinik für Ganzheitsmedizin zusammen: "Mit Spiritualität kann man keine Neurosen heilen", erläutert der Arzt. Er weist seine Patienten aber auf spirituelle Kräfte hin, die in der klassischen Medizin außen vor gelassen werden. "Jeder Mensch trägt ein tiefes Wissen um die heilenden Kräfte der Natur in sich", verkündet Kurtz-von Aschoff. Gegen die seelische Leere empfiehlt er fernöstliche Meditation ebenso wie den christlichen Glauben.

Was Krankenkassen nicht als offizielle Diagnose anerkennen und bezahlen, lässt die Patienten leiden, die auf Grund von Burnout für drei bis sechs Wochen im 150-Betten-Haus im noblen Kasseler Stadtteil Wilhelmshöhe logieren. Die "Ausgebrannten" kommen aus dem Management, aber auch aus helfenden Berufen, weil sie sich erschöpft, leer und kaputt fühlen und dem Druck am Arbeitsplatz und in der Familie nicht mehr gewachsen sind.

"Nervenzusammenbruch" hieß es früher, wenn Überlastete krank und arbeitsunfähig wurden - heute spricht man vom Burnout-Syndrom. Gerade die Tüchtigen, gut Organisierten und Idealisten trifft es immer häufiger, die sich überdurchschnittlich engagieren und für ihren Beruf "brennen", dann aber abbauen und sich frustriert zurückziehen. Viele seiner Patienten sind Ärzte, Lehrer, Pfarrer, sagt Dr. Kurtz-von Aschoff.Das breite Therapieangebot wird hauptsächlich von Frauen genutzt. Auch prominente Patienten wie das Göttinger Entführungsopfer Renate Wallert sind darunter.

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