Katholische Kirche und Kindesmissbrauch : Bester Film, schlimmste Realität

Wie in „Spotlight“: Ein Kardinal muss sich wegen Vertuschung von Kindesmissbrauch verantworten. George Pell gibt „Fehler“ zu – doch der Papst schützt ihn.

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Gegen Vertuschung. Demonstranten wollen, dass Kardinal George Pell und andere, die Kindesmissbrauch gedeckt haben, zur Verantwortung gezogen werden.
Gegen Vertuschung. Demonstranten wollen, dass Kardinal George Pell und andere, die Kindesmissbrauch gedeckt haben, zur...Foto: AFP

So hautnah liegen Kino und Leben nicht oft beieinander. Los Angeles und der Vatikan tun das noch viel seltener. Nun aber war es so weit: In derselben Nacht, als „Spotlight“ seinen Oscar bekam – in der als „bester Film“ also ein Streifen ausgezeichnet wurde, der die Vertuschung von Kindesmissbrauch durch die katholische Kirche anklagt – saß in Rom ein ranghoher Kardinal einer echten staatlichen Untersuchungskommission gegenüber. Es ging um exakt dieselben Themen wie in „Spotlight“.

„Ja, die Kirche hat enorme Fehler begangen. Sie hat schwere Schäden angerichtet. Im Umgang mit den beteiligten Personen ist sie gescheitert.“ So beschreibt es nicht nur der Film, so gibt es auch George Pell zu. Der körperlich und sprachlich recht bullige Kardinal, 74, leitet im Vatikan das von Papst Franziskus geschaffene Wirtschaftsministerium. Er soll der Verschwendung, der Korruption und anderen finanziellen Missbräuchen wehren – persönlich aber hat Pell selbst schwere Vorwürfe am Hals: Als Bischof in Australien, zuletzt als Kardinal von Sydney, soll er etwa 300 Kleriker gedeckt haben, die sich an Minderjährigen vergangen haben. Die „Königliche Untersuchungskommission” in Australien will Pell dafür den Prozess machen, aber es schwebt die schützende Hand des Papstes über ihm – einer Vorladung in seine Heimat kam der Kardinal vorsichtshalber nicht nach.

Immerhin ließ er sich nach langem Hin und Her im römischen Nobelhotel „Quirinale“ per Videoschaltung verhören, auf neutralem Boden also. Und aus Pells bisher so lückenhaften Erinnerung tauchten unter den Fragen der Staatsanwältin plötzlich seltsame Begebenheiten auf, über die er sich seinerzeit „gewundert“ hatte, die er aber damals auf sich hatte beruhen lassen: die Sache etwa mit dem Priester eines Erzieherordens, der nackt zwischen seinen Zöglingen zu baden liebte und sie küsste.

Plötzlich erinnert sich der Kardinal

Erstmals gab Pell nun zu, dass das seinerzeit „eine beträchtliche Zahl von Leuten“ wusste. Wer weiß, was der Kardinal bei den nächsten zwei, drei Vernehmungsterminen noch alles einräumen muss – und was Papst Franziskus von all dem hält: Er hat Pell am Morgen nach der Oscar-Nacht und dem ersten Verhör empfangen. Um die Hauptfigur von „Spotlight” indes, um den früheren Bostoner Kardinal Bernard Francis Law, ist es stiller geworden in Rom, wenn auch nicht ganz still. 2002 hatte Papst Johannes Paul II. ihn der amerikanischen Justiz entzogen und ihn, protokollarisch recht ehrenvoll, mit der Leitung einer der bedeutendsten Kirchen der Christenheit betraut, der Santa Maggiore in Rom. Seit seinem achtzigsten Geburtstag vor vier Jahren ist Law pensioniert, er lebt aber weiterhin in einem extraterritorialen Vatikanpalast mitten in Rom und wird, so heißt es, auch bei Empfängen in der amerikanischen Vatikanbotschaft gesichtet.

Das Telefon nimmt er nicht ab; Interviews gibt er keine, aber dass Law, der sich in seinen besten Jahren schon als „erster amerikanischer Papst“ gesehen hatte, über ein tragfähiges Old-Boys-Netzwerk an der Kurie verfügt, gilt als sicher. Derweil, schon unter Benedikt XVI., hat die Kirchenleitung ihren Kurs gegenüber pädophilen Priestern radikal verschärft. Als „Spotlight“ bei der Biennale von Venedig im September uraufgeführt wurde, befand – in halbamtlicher Weise – Radio Vatikan, der Film sei „ehrlich und überzeugend“; er helfe der Kirche in den USA, „ihre Sünde zu akzeptieren, sie öffentlich einzugestehen und die Konsequenzen zu tragen.“

Mittlerweile sind in mehreren Ländern der Erde Bischöfe aus gegebenem Anlass ohne großes Aufsehen zurückgetreten, gedrängt vom Vatikan, aber ohne jede sonstige Konsequenz: Jenes „Bischofstribunal“, das Franziskus 2015 angekündigt hat und das es dem Papst erstmals ermöglichen soll, strafrechtlich gegen Bischöfe vorzugehen, ist bisher nicht in Sicht. Nur einem wollte der Vatikan bisher wegen Pädophilie den Prozess machen: dem früheren Nuntius in der Karibik, Józef Wezolowski. Der 67-jährige Pole befand sich sogar in vatikanischer Untersuchungshaft. Dann, im August 2015, starb er: „plötzlicher Herztod“ steht im Bulletin.

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