Welt : Kaufhaus "Streichhölzer": Männer mit Feuer

Wladimir Kaminer

Gegenüber unserer Wohnung in Moskau befand sich ein Kaufhaus mit dem Namen "Streichhölzer". Dort konnte man zwar alles Mögliche bekommen: Butter und Tomatensaft, Portwein und Hemden aus Ungarn, aber all diese Produkte kamen unregelmäßig und verschwanden schnell wieder.

Streichhölzer dagegen gab es immer. Meine Freunde und ich, wir gingen in die sechste Klasse und langweilten uns zu Tode. Wir sehnten uns nach Abenteuern und Heldentaten. Deswegen beschlossen wir, politisch aktiv zu werden. Unser Ziel: die Bevölkerung so lange zu terrorisieren, bis alle verstanden, das es so nicht weiter ging. Das Kaufhaus "Streichhölzer" sollte unser erster Tatort sein. Der Plan: alle Streichhölzer aufzukaufen und dadurch Unruhe in der Bevölkerung hervorzurufen. Mit den 15 Kopeken, die uns die Eltern fürs Schulfrühstück gaben, konnte jeder jeden Tag 15 Schachteln Streichhölzer kaufen. Der Kampf mit dem Kaufhaus zog sich über Monate hin, die Streichhölzer häuften sich in unserem Versteck. Unserem Ziel kamen wir nicht näher. Wir hatten keine Ahnung, wie viel Streichhölzer sie vorrätig hatten. Also beschlossen wir, das Kaufhaus anzuzünden. Auf diese Weise konnten wir Unruhe stiften und gleichzeitig unsere fünf Kilo Streichhölzer loswerden. Wir verschafften uns Zugang zum Keller des Kaufhauses, brachten unsere Vorräte dort hin, legten noch ein bisschen Zeitungspapier obendrauf und zündeten den Haufen an. Die Streichhölzer qualmten und stanken, brannten aber nicht. Sie waren entweder nass oder keine Qualitätsware. Wir kriegten keine Luft mehr, fühlten uns überfordert und zogen Leine - wir gingen in den Untergrund.

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