• Kaum Hoffnung auf Überlebende - Die meisten Opfer sind nach dem Einsturz erstickt

Welt : Kaum Hoffnung auf Überlebende - Die meisten Opfer sind nach dem Einsturz erstickt

Roman Arens

Bei dem Hauseinsturz im süditalienischen Foggia sind nach Befürchtungen der Behörden vermutlich mehr als 50 Bewohner ums Leben gekommen. Über 30 Stunden nach der Katastrophe konnten die Rettungsmannschaften 29 Leichen bergen. Unter den Schuttmassen wurden noch vierzig Vermisste vermutet. Die meisten Opfer sind nach den Worten von Medizinern bereits kurz nach dem Unglück erstickt. Die Gründe dafür seien Quetschungen des Brustkorbs sowie der Staub und Rauch durch den Einsturz. Einige der Leichen seien auch verbrannt. Nach dem Einsturz hätten sich vermutlich durch auslaufendes Benzin in der Tiefgarage kleinere Feuer entzündet.

Im Licht von Scheinwerfern hatten die einigen hundert Helfer auch während der Nacht weitergearbeitet. Mit Sonden und Hunden wurde in den Überresten des sechsstöckigen Wohnhauses nach Überlebenden gesucht. Ein Brand in einem Lager von Schaumstoff-Matratzen und darauffolgend einige Explosionen von Gasflaschen erschwerten die hektischen Aktivitäten. Wegen der immer intensiveren Rauchentwicklung schwanden auch die Hoffnungen weiter, Verschüttete noch lebend aufzufinden.

Dreieinhalb Millionen Gebäude gefährdet

Während die Rettungsarbeiten weitergehen, reagierten die italienischen Medien mit einem Aufschrei auf die Katastrophe. Schuld sei der Bauboom der 60er und 70er Jahre, als Sicherheitsstandards oft sträflich vernachlässigt worden seien. Nach wie vor gibt es jedoch keine sicheren Erkenntnisse über die Ursache des Einsturzes; die meisten Annahmen drehen sich um Baumängel und auch unsachgemäße Umbauten. Gerüchteweise war die Rede von Veränderungen in der Tiefgarage, die eine fatale Schwächung der ganzen Statik verursacht haben könnten. Schon in den Tagen vor dem Unglück sollen laut Zeugenaussagen Armierungen aus einer Säule herausgebrochen sein. Die Stadtverwaltung und die Staatsanwaltschaft von Foggia haben Untersuchungen eingeleitet.

In Italien seien "sehr viele Häuser schlecht gebaut und (von den Behörden) durchgehen gelassen", sagte der Chef des Geologen-Verbandes Floriano Villa. Er forderte die Überprüfung von 25 Millionen Gebäuden. Die bevorstehende Einführung eines obligatorischen "Sicherheits-Zertifikats" für Gebäude stößt beim Verband der Hausbesitzer auf Widerstand - wegen der damit verbundenen zusätzlichen Kosten. Architekten und Ingenieure dagegen begrüßen diese von der Regierung vorgesehene Überprüfung, weil nach neueren Untersuchungen bis zu dreieinhalb Millionen italienischer Gebäude aus Altersgründen oder wegen technischer Mängel gefährdet sein könnten.

Nachträgliche Veränderungen am Bau

Besonderes Augenmerk gehört den Häusern, die während des Baubooms errichtet wurden. Aus dieser Zeit stammt auch das Unglückshaus von Foggia. Als die italienischen Städte sich in den sechziger Jahren explosionsartig vergrößerten, entstanden hunderttausende von Bauten, oft Spekulationsobjekte, ohne entsprechende Genehmigungen und Kontrollen. Als weiteres "dunkles Übel" bezeichnete der bekannte Architekt Franco Purini in einem Interview die nachträglichen und nicht angegebenen Bauveränderungen: "Aufstockungen, Beschwerungen von Dachböden und Kellern, heimlich ausgebuddelte Garagen, versetzte tragende Wände, abgehauene Pfeiler, im Erdgeschoss eingerichtete Werkstätten, die das statische Gleichgewicht verändern."

Ebenso unsicher wie die Ursachen in Foggia sind auch noch die des Einsturzes, der im Dezember 1998 in Rom 27 Menschenleben kostete. In Motta Visconti in der Provinz Pavia kamen 1994 beim Zusammenbruch eines Altenheims 28 Menschen ums Leben. Neun Jahre zuvor ließ Wasserunterspülung ein Wohnhaus in Taranto zusammenkrachen: 34 Opfer. Das bislang schwerste Unglück ereignete sich 1959 im apulischen Barletta. Damals starben sechzig Personen, als eine ungenehmigte Aufstockung ein Haus einstürzen ließ.

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