Welt : Kein Bonus für Bobo

Der Schweizer fliegt aus dem Eurovision Song Contest raus – die Osteuropäer hieven sich gegenseitig rein

Jörn Wöbse

„Frauen regier’n die Welt“ – mit diesem Titel wird Swingsänger Roger Cicero heute Abend in Helsinki für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) antreten. Wer aber den europäischen Sangeswettbewerb regiert, das dürfte auch dem größten Zweifler spätestens am Donnerstag, dem Tag des Halbfinales, klar geworden sein.

Die Aufregung der Schweizer über den Titel ihres Vertreters, DJ Bobos „Vampires are alive“, war völlig überflüssig. Mehr als 50 000 Unterschriften haben sie gesammelt, damit das Land nicht mit „Satanismus und Okkultismus, sondern mit schweizerischen Werten vertreten wird“. Renè Baumann alias DJ Bobo ist trotz seines immensen Bekanntheitsgrades und seiner Favoritenstellung schon im Halbfinale untergegangen. Das gleiche Schicksal erlitten unter anderen die Niederlande, Belgien, Dänemark, Österreich, Portugal und Norwegen. Aus Westeuropa schaffte keiner die Qualifikation. Die West-Länder, die heute dabei sind, haben die Finalrunde erreicht, weil sie im Vorjahr so gut waren; Schweden und Iren zum Beispiel. Spanien, Frankreich, England und Deutschland sind als größte Eurovisionsbeitragszahler immer gesetzt, Finnland als Vorjahressieger dabei. Wer wird um den Poplorbeer streiten?

Es scheint, als habe die Entwicklung, die schon in den vergangenen Jahren beobachtet werden konnte, einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: die südost- und osteuropäischen Staaten werden die Sache unter sich ausmachen. Nicht weniger als acht Teilstaaten der ehemaligen Sowjetunion wählten sich gegenseitig ins Finale, Ex-Jugoslawien ist immerhin mit vier Ländern vertreten, dazu kommen noch Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei. Die Empörung bei Teilnehmern aus dem Westen war groß.

Ist also etwas faul beim Eurovision Song Contest, und, wenn ja, was? Zunächst einmal darf nicht übersehen werden, dass die erwähnten, erst seit kurzem unabhängigen Länder tatsächlich das Beste vom Besten ihres popmusikalischen Outputs in die gesamteuropäische „Kulturschlacht“ werfen. Das gilt für die auftretenden Sänger wie für die beteiligten Komponisten, Arrangeure und Choreografen. Auch wenn diese Künstler hierzulande meist weitgehend unbekannt sind – in ihrer Heimat sind sie allesamt Superstars. Nichts gegen Swingtitan Roger Cicero – der Mann ist ein hervorragender Sänger, sein Album hat Platinstatus erreicht, aber mit Verlaub: Ein Grönemeier ist er nicht. Und für die Engländer geht mitnichten ein Robbie Williams, sondern ein Trällerquartett namens „Scooch“ an den Start. Es gibt also schon in der Bedeutung und der Wahrnehmung des Events eine offensichtliche Diskrepanz zwischen dem satten Westeuropa und dem hungrigen Südost- und Osteuropa. Diese Länder sehen den ESC als Chance, um in den europäischen Fokus zu rücken, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Vielfach ist es wohl tatsächlich die einzige Chance. Der Titel einer Promotionsarbeit von 2006 „Kampf der Kulturen – der ESC als Mittel national-kultureller Repräsentation“ von Dr. Irving Wolther trifft daher auch nur noch für diesen Teil Europas zu. Der zweite Grund für die Hegemonie der „Südost-Connection“ liegt in der Systematik und den Regularien des Wettbewerbs. Trotz aller Gegensätze und dem Streben nach Autonomie eint die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Ex-Jugoslawiens emotionale Nähe und ein kultureller Grundkonsens: „Politisch können wir uns nicht aufs Fell gucken, aber wir hören die gleiche (oder ähnliche) Musik!“ Ergebnis: Russland schustert der Ukraine 12 Punkte zu, die wiederum geben ihre 12 fröhlich an Moldawien und so weiter. Dass die westlichen Staaten bei dieser Mentalitätslage keine Chance haben, ist einleuchtend.

Die Frage muss erlaubt sein, warum das stolze, aber zahlenmäßig eher kleine Staatsvolk Andorras genauso viele Punkte vergeben darf wie das riesige Russland. Werden die Prämissen nicht grundlegend geändert, wird die glamouröse paneuropäische Popleistungsschau ESC – immerhin die kontinentweit meistgesehene TV-Show des Jahres – zu einer langweiligen, tristen Angelegenheit, zu einer Popfarce werden.

Drücken wir also in diesem Jahr unserem Kandidaten hoffnungsfroh die Daumen und hoffen, dass es nicht zu dem vom englischen Experten Tim Moore prognostizierten Null-Punkte-Debakel kommt. Gracia im Jahr 2005 war bitter genug. Und davon, dass Deutschland „mit Mr. Swing die Fernsehzuschauer in Europa irritieren und verärgern“ wolle, kann ja nun wirklich nicht die Rede sein. Die Proben sind dem Vernehmen nach prima gelaufen, Roger Cicero hat ausreichende Mengen seines geliebten „Halswohl“-Tees dabei und die Hutkreation der Berliner Putzmacherin Fiona Bennet (inklusive reflektierendem Hutband) wird ganz Europa in Staunen versetzen.

Freuen wir uns auf eine farbenfrohe Show, haarscharf am Rande des guten Geschmacks, und einen verdienten Gewinner aus, sagen wir, Armenien oder Moldawien. Oder es kommt wieder einmal ganz anders. In diesem Sinne also, wie der Finne sagt: „Tervetuloa Helsingissä!“ – Willkommen in Helsinki.

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