Welt : Kein Entkommen durch die Feuerwand

In einem Moskauer Studentenwohnheim verbrannten 34 Menschen. Sie wurden im Schlaf überrascht

Elke Windisch[Moskau]

Als Erste wurden die Bewohner des Zimmers 203 vom Feuerschein und dem Prasseln der Flammen geweckt – drei Studentinnen aus Nigeria, die zunächst versuchten, den Brand selbst zu löschen. Heimleitung und Feuerwehr seien daher viel zu spät informiert worden, klagte der Direktor des Studentenwohnheims im russischen Staatsfernsehen, als gegen Mittag die erste Bilanz des Schreckens gezogen wurde: Mindestens 34 Tote und über 150 Verletzte forderte der Brand, der in der Nacht zum Montag in einem der Internate der Moskauer „Universität der Völkerfreundschaft" ausbrach. Fast alle Opfer sind ausländische Studenten und Aspiranten, die meisten kommen aus China, Vietnam, Afghanistan, Äthiopien sowie einer Reihe von Staaten Lateinamerikas und Schwarzafrikas.

Die meisten Leichen wurden bisher in dem völlig ausgebrannten Betonklotz gefunden, einige, die sich offenbar durch einen Sprung aus den Fenstern vor dem Feuer retten wollten, auf der Straße. Ein Student verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. Die meisten Opfer wurden mit schweren Vergiftungen durch das Einatmen von Rauchgas und mit Knochenbrüchen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert.

Das Ende der grausigen Funde, fürchten die Rettungsmannschaften, sei noch lange nicht erreicht, denn bisher gelang es nur einen Teil der Trümmer wegzuräumen, unter denen weitere Opfer vermutet werden.

Der Brand ist einer der größten der jüngeren Geschichte in der russischen Hauptstadt. Zeitweilig waren bis zu 50 Löschzüge und 27 Ambulanzen im Einsatz. Darunter auch Spezialeinheiten des Ministeriums für Katastrophenschutz. Vier Stunden vergingen, bis das Feuer auch nur lokalisiert werden konnte, das sich mit rasender Geschwindigkeit über die drei obersten Etagen des Fünfgeschossers ausbreitete. Erst kurz vor sechs Uhr Ortszeit verloschen die letzten Flammen, die insgesamt über tausend Quadratmeter Fläche vernichteten.

Die Universität der Völkerfreundschaft im Moskauer Südwesten wurde in den Sechzigern gegründet und auf den Namen Patrice Lumumba getauft – den pro-sozialistischen Präsidenten der einstigen Kolonie Belgisch-Kongo, der kurz zuvor bei einem Staatsstreich ermordet wurde und in der Sowjetunion lange mit gleicher Inbrunst wie später Commandante Che verehrt wurde. Der Name war zugleich Programm: An der Uni wurden ausschließlich Studenten aus Entwicklungsländern ausgebildet, zu Zeiten des Kommunismus die „dritte Hauptströmung des revolutionären Weltprozesses". Darunter vor allem Kämpfer aus Organisationen für nationale Befreiung, die häufig mit heutigen Terror-Organisationen identisch sind. Das postkommunistische Russland stand Anfang der Neunziger, als der Eiserne Vorhang fiel, Strömen illegaler Immigranten aus der Dritten Welt mehr oder minder hilflos gegenüber. Die meisten von ihnen strandeten früher oder später irgendwie in Moskau und suchten dort Kontakt zu Landsleuten. Die Internate ausländischer Studenten – darunter auch das abgebrannte Wohnheim – waren dabei erste Adressen. Gegen Bestechungsgeld drückten und drücken Pförtner und Heimleitung alle Augen zu, wenn ein Zweibett-Zimmer mit acht Mann belegt ist, die in Schichten schlafen.

Auch in dem ausgebrannten Internat waren offiziell zum Zeitpunkt des Unglücks 272 Bewohner gemeldet. Die Fahnder gehen jedoch von mindestens 500 aus. Und bei den Ermittlungen wird vorsätzliche Brandstiftung als Ergebnis von Meinungsverschiedenheiten rivalisierender Bandenchefs nicht ausgeschlossen. Spekulationen westlicher Agenturen, wonach die Brandstiftung rassistische Motive haben könnte, halten die hiesigen Fahnder dagegen für wenig wahrscheinlich.

Wahrscheinlich war es ein Kurzschluss.

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