Welt : Kein Gruß, kein Kuss - ganz einfach Schluss

Jörg Ziegler

Zwei Tage nach seiner Wiederwahl war der Röckinger Bürgermeister Erich Kunder spurlos verschwunden. Die Polizei rechnet mit einem Verbrechen. Doch der Fall des Gemeindeoberhauptes ist nicht typisch für die vielen Vermissten in Deutschland. Nicht wenige der Verschollenen entfliehen freiwillig ihrem Alltag - für immer.

Sie gehen mal eben Zigaretten holen. Genau wie es Schlagerstar Udo Jürgens in seinem Lied "Ich war noch niemals in New York" besingt. Doch zwischen Lied und Realität liegen Welten: Im Schlager traut sich der Held nicht, seine Wünsche zu verwirklichen, während im richtigen Leben die "Zigaretten-Holer" oft nicht zurückkommen. Jürgens besingt die Sehnsucht danach "aus allen Zwängen" zu fliehen. Genau dies ist das Grundmuster für Menschen, die ihre Lebenssituation nicht mehr aushalten und in die Anonymität, in ein anderes soziales Umfeld abtauchen. Dieser Personenkreis weise oftmals eine depressive Veranlagung auf, erklärt Dr. Christiane Papa Stefanou, Psychologien aus Ludwigshafen und Privatdozentin an der Universität Mannheim im Fachbereich Entwicklungspsychologie. Sie stünden "indifferent dem Leben gegenüber" und seien "mangels ausreichender sozialer Kompentenzen" nicht in der Lage, "lösungsorientiert" ihre Situation zu ändern.

Schon 1992 untersuchten Walter Harrich und Danuta Harrich-Zandberg in der ZDF "Reportage"-Reihe drei Fälle von verschwundenen Personen. Sie fanden kein Lebenszeichen der drei Gesuchten. Es handelte sich hier um einen Geschäftsmann aus Rosenheim, einen Millionenerben aus München sowie einen bulgarischen Aussiedler. Sie alle waren bereits seit mehreren Jahren "zigarettenholen", hinterließen Frau und Kinder oder andere Angehörige. Sie reagierten auf kein Kontaktsignal und konnten von Suchdiensten nicht ermittelt werden.

Vermisste werden zwar, falls die Suchenden Anzeige erstatten, bei der Polizei und Kriminalämtern registriert, aber die Behörden dürfen keine Ermittlungen aufnehmen. Vermisstsein ist eben nicht strafbar. Einzig bei bestehender Lebensgefahr oder dem Verdacht, dass die Untergetauchten in kriminelle Aktivitäten verwickelt sind, ermitteln die Behörden.

Die Ermittlungen nach den Röckinger Bürgermeister Erich Kunder, der seit Dienstag letzter Woche verschwunden ist, laufen auf Hochtouren. Nach Angaben der Kriminalpolizei Ansbach führt die Spur nach Tschechien, wo am 5. März an einem Geldautomaten 2000 Euro vom Konto des Vermissten abgehoben worden sind. Erneute Versuche, Geld abzuheben sind zwei Tage später ohne Erfolg geblieben. Für die Kripo ist dies ein Indiz dafür, dass der verschollene Familienvater einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte.

Allein in diesem Jahr sind 3658 Erwachsene vermisst gemeldet. Davon ist laut Angaben des Bundeskriminalamtes eine verschwindend geringe Anzahl zu den "Zigaretten-Holern" zu zählen. Es sind in Deutschland rund 6500 (Dauer-)Vermisste registriert, die von ihren Angehörigen gesucht werden. Zurück bleiben die völlig verunsicherten und sozial geschädigten Angehörigen. "Merkwürdig ist, dass die Vermissten nicht demontiert, noch nicht einmal hart kritisiert werden. Man sucht die Schuld eher bei sich und dem sozialen Umfeld", erklärt Danuta Harrich-Zandberg dazu. Die Angehörigen glorifizierten den Verschollenen ähnlich wie bei einem Toten, über den ja auch nicht Schlechtes gesagt würde.

"Meine Erfahrung ist, dass die Angehörigen eine Riesenwut haben. Sie sind gekränkt und enttäuscht", meint Papa Stefanou dazu. Allerdings wäre es falsch, die Schuld nur bei den Vermissten zu suchen. Häufig erkennten die Anghörigen im Nachhinein viele Anzeichen, die auf Unzufriedenheit hindeuten. Doch auch diese Erkenntnis nimmt den Angehörigen nicht die Zweifel. Denn letztendlich weiß niemand, was nach dem vermeintlichen Gang zum Zigarettenautomaten passiert ist.

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