Welt : Kein Kind von Traurigkeit

Der Maler Jörg Immendorff hat das Leben genossen – als Rebell, als Kneipier, als Professor. Seit drei Jahren ist er schwer krank

Ulrich Clewing

Mochten andere Künstler sich in ihre Ateliers einschließen und still und stumm gewichtigen Gedanken nachhängen, Jörg Immendorff ging von Anfang an in die Öffentlichkeit, suchte das pralle Leben, wo immer er war, was immer er tat – und fand es auch, nicht nur in der Kunst, sondern auch bei seinen unterschiedlichen beruflichen Nebentätigkeiten.

Ein Kind von Traurigkeit war er nie. So probierte er es eine Weile als Kneipier, eröffnete 1984 im Beisein der lokalspezifischen Prominenz mit großem Tamtam die „La Paloma"-Bar im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Zu dem Zeitpunkt galt er bereits als einer der bekanntesten deutschen Maler, breitbeinige Auftritte, dicke Limousinen und viel Schmuck um Hals und Finger inklusive. Dass ihm im Kreise seiner um einige Jahre älteren Künstlerfreunde A.R. Penck, Georg Baselitz und Markus Lüpertz nur der Part des Junior-Stars blieb, mag ihn vielleicht insgeheim gewurmt haben, an seinem zur Schau gestellten Selbstbewusstsein jedoch änderte das nichts.

Es war nicht zuletzt dieser Habitus, der Immendorff weit über die Kunstszene hinaus Aufmerksamkeit bescherte. Für die Boulevard-Presse waren seine Eskapaden, seine Publikumsbeschimpfungen und wechselnden Liebschaften bisher stets ein gefundenes Fressen. Als er vor drei Jahren eine seiner ehemaligen Schülerinnen, die damals 24-jährige Oda Jaune, heiratete (mit Markus Lüpertz und dem Kunsthändler Helge Achenbach als Trauzeugen), berichteten Illustrierte von „Bunte“ bis „Playboy“ über das Ereignis.

Im Vergleich dazu geriet Immendorffs Kunst mehr und mehr in den Hintergrund. 1945 in Bleckede in der Nähe von Lüneburg geboren, absolvierte der Sohn eines Offiziers und einer Sekretärin ab 1963 ein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie, zunächst im Fach Bühnenbild, dann in der freien Kunst in der Klasse von Joseph Beuys. Im Zuge der Studentenproteste wandte sich Immendorff der Politik zu, engagierte sich in maoistischen Vereinigungen und forderte seine Kommilitonen dazu auf, mit dem Malen aufzuhören und wie er ebenfalls politisch zu agitieren.

Seine eigene Abstinenz war freilich nur von kurzer Dauer. Bald verlegte er sich wieder ganz auf die Malerei, schuf Bilderserien unter anderen zu Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters". 1978 entstand einer seiner berühmtesten Werkkomplexe, die 23-teilige Serie „Café Deutschland", in der sich der Rebell sich an seinem Lieblingsthema, der deutschen Geschichte, abarbeitete. Seine dezidiert antibürgerliche Haltung erwies sich als ausgesprochen lukrativ. Sie brachte ihm nicht nur den Auftrag, Bundeskanzler Schröder zu porträtieren, sondern auch Professuren an den Kunsthochschulen in Hamburg, Frankfurt/Main und Düsseldorf und hat ihn insgesamt längst zu einem reichen Mann gemacht: Bei einem Einbruch in seine Düsseldorfer Villa vor einem Jahr erbeuteten Diebe Schmuck im Wert von einer Million Euro.

Vor drei Jahren diagnostizierten Ärzte bei Immendorff eine schwere Muskelkrankheit, mittlerweile ist sein linker Arm fast vollständig gelähmt.

So wird man Immendorff am besten charakterisieren, indem man auf seine Widersprüchlichkeiten hinweist: dumpfe Macho-Attitüde und hohe Moral, gesellschaftliche Wachsamkeit und Nähe zum „Milieu", künstlerische Sensibilität und persönliche Verantwortungslosigkeit. Wird im Angesicht einer grausamen Krankheit daraus die Wahnvorstellung, sich alles erlauben zu können, ohne die Konsequenzen dafür zu tragen?

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