Welt : Kein Recht für Passagiere auf Aussteigen

Der Pilot entscheidet über zweiten Start

Rainer W. During

Es klingt beängstigend: Der Pilot bricht einen Start ab und informiert die Passagiere, dass ein technischer Defekt vorliegt. Techniker fangen an zu reparieren. Die Passagiere sitzen währenddessen in ihren Sitzen, telefonieren mit Ehepartnern zu Hause, machen sich Gedanken. Die Ersten wollen aussteigen. Sicher ist sicher, sagen sie sich, außerdem ist die Maschine gar nicht von der Lufthansa, so wie gedacht, sondern von einer örtlichen Fluggesellschaft, deren Namen man noch nie gehört hat. Das ist keine fiktive Geschichte, sie ereignete sich vor der Flugkatastrophe von Madrid. Die Passagiere, die aussteigen wollten, durften nicht, das Personal ließ sie einfach nicht raus. Bei dem anschließenden zweiten Startversuch kam es zur Katastrophe, 153 Menschen starben. Mancher stellte sich anschließend die Frage: Habe ich eigentlich ein Recht darauf, nach einem abgebrochenen Start am Gate auszusteigen? Die Antwort ist klar: nein. Passagiere haben nach Ansicht von Rechtsexperten keinen Anspruch darauf, ein Flugzeug nach einem Startabbruch verlassen zu können. Bei mehreren hierzu befragten Airlines wollte man sich zu dieser Thematik im Zusammenhang mit der Spanair-Katastrophe nicht namentlich äußern. Es wurde jedoch betont, dass dies schon allein aus betrieblichen Gründen oft nicht möglich sei. Die Reisenden sollten sich auf die Besatzung verlassen. „Die Piloten wollen ja auch ankommen“, sagte der Sprecher einer großen Fluggesellschaft. Piloten würden von Technikern kein Flugzeug annehmen, von dessen Betriebssicherheit sie nicht selbst überzeugt sind. Und der Pilot trifft die letzte Entscheidung, ob die Maschine startet. Der Passagier befindet sich letztlich in fremder Hand und muss darauf vertrauen, dass ein anderer, der zweifellos in dieser Situation der Kompetenteste ist, die richtige Entscheidung trifft.

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