Welt : Kein Wunder ohne Nebenwirkung

Nanoteilchen versprechen Wirtschaft und Verbrauchern Erleichterungen – aber niemand kennt die Folgen

Roland Knauer

Pizza, die je nach Backzeit nach Thunfisch oder Salami schmeckt, Socken, die nie müffeln, bessere Sonnenschutzcremes als je zuvor, Tagescremes gegen Falten und ein Drink, der Wunden schneller heilen lässt – Nanopartikel versprechen kleine Wunder des Alltags. Und wie so oft bei neuen Techniken wittern Umweltverbände neue Gefahren, ohne sie genau beschreiben zu können. In den USA, Kanada, Australien und Holland raten sie zur Vorsicht bei Wundern durch „Nano“, in Deutschland steht die Naturschutzorganisation BUND an der Spitze der Skeptiker. Aber auch das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR in Berlin und das Umweltbundesamt UBA in Dessau beobachten die Entwicklungen am NanoteilchenMarkt mit einer Portion Misstrauen.

Eine Forderung eint sie: „Wir würden gern mehr wissen!“ Wie Nanoteilchen wirken, ist inzwischen gut bekannt, ihre Nebenwirkungen aber müssen noch erforscht werden. Anti-Stink-Socken zum Beispiel beruhen auf dem alten Prinzip, dass Silber desinfiziert, weil es Mikroorganismen wie Bakterien zuverlässig abtötet. Für Spezialanwendungen wie die Entkeimung von Wasser gibt es längst Silberlösungen, die ohne großen Aufwand sauberes Wasser liefern. Um im Gewebe von Socken verankert zu werden und dort Bakterien aus dem Fußschweiß abzutöten, war Silber aber bisher zu teuer. Mit Nanoteilchen wird das erschwinglich: Werden Teilchen immer kleiner, verringert sich ihr Gewicht schneller als ihre Oberfläche. Verwendet ein Textilfabrikant also Nanoteilchen mit weniger als einem Zehntausendstelmillimeter Durchmesser, verbraucht er wenig Silber. Alle Partikel zusammen haben trotzdem eine große Oberfläche. Je mehr Oberfläche, umso mehr Silber-Ionen werden abgegeben, die Bakterien ins Jenseits befördern – ein guter Effekt für sauberes Wasser, duftende Socken oder keimfreies Operationsbesteck.

Aber was passiert eigentlich, wenn jeder Socken mit Nano-Silber trägt und diese hin und wieder wäscht? Würden Millionen Nanoteilchen-Sockenträger nicht jede Menge Silber-Ionen in die Kläranlagen schicken, die auch dort Bakterien zerstören – die aber eigentlich für den Abbau von Schadstoffen im Abwasser zuständig sind? Mit solchen Fragen versucht Carolin Zerger beim BUND in Berlin, die Nebenwirkungen von Nanoteilchen aufzuspüren. Bisher machen die Hersteller es sich einfach: Nanoteilchen seien nicht viel anders als ihr Ausgangsmaterial und hätten daher auch ähnliche Nebenwirkungen, lautet die gängige Definition. Der hat sich auch der Gesetzgeber weitgehend angeschlossen. Aber neue Eigenschaften, mit denen ja geworben wird, könnten auch neue Nebenwirkungen haben.

Bestimmte Kohlenstoff-Nanoteilchen wie Fullerene und Nanoröhrchen werden längst in großen Mengen produziert, weil sie als Antioxidantien Alterungsprozesse verhindern. In den USA gibt es schon Tagescreme mit Fullerenen, die Fältchen in der Haut verhindern soll. Bisher kennen die Forscher aber kaum Prozesse, die solche Fullerene in der Umwelt abbauen.

Dass es sich lohnt, Nebenwirkungen neuer Produkte sehr genau unter die Lupe zu nehmen, zeigen Beispiele wie die als Kühlmittel und Treibgase beliebten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die den Verlust der Ozonschicht in der Stratosphäre verursachten. Das Ende der 50er Jahre beliebte Schlafmittel Contergan störte die Entwicklung von Embryonen in der Schwangerschaft erheblich. Asbest war wegen seiner Feuerbeständigkeit ein beliebter Baustoff, löst aber Krebs aus.

Experimente an der Leipziger Universität zeigen, dass Nano-Titandioxid aus Sonnenschutzmitteln nur in tote Hautschichten, nicht aber in lebende Zellen eindringt. Andererseits zeigen andere Versuche, dass Nanoteilchen über die Riechnerven der Nase sogar ins Gehirn vordringen und so die Blut-Hirn-Schranke überwinden könnten. Forscher und Industrie haben also noch einiges vor sich, bevor sie Wunder wahr machen können.

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