Welt : Keine Allergie mit Pechmarie

Ein Forscher sagt, dass zerwühlte Betten gesünder sind – Milben sind nur für Empfindsame schädlich

Adelheid Müller-Lissner

Jugendlichen, die sich weigern, im morgendlichen Stress vor der Schule auch noch ihr Bett ordentlich zu machen, aber auch gehetzten Berufstätigen, die die Laken zerwühlt zurücklassen, wenn sie morgens aus dem Haus stürmen, liefert jetzt ein britischer Forscher ein willkommenes Argument: Wer sein Bett nicht macht, schützt sich möglicherweise vor allergischem Schnupfen und vor Asthma. Solche Schützenhilfe bekommen die Pechmarie aus der „Frau Holle“ und alle anderen, die nicht gern Laken glatt ziehen und Überdecken ausbreiten, von Gebäude-Forschern um Stephen Pretlove von der Kingston University’s School of Architecture in London, die mittels eines Computermodells die Belastung des Wohnumfelds mit Hausstaubmilben berechnen.

Ganzjähriger Fließschnupfen, Niesattacken, verstopfte Nase und gerötete Augen sind die typischen Symptome einer Hausstaubmilben-Allergie. Die 0,2 bis 0,5 Millimeter großen Hausstaubmilben (Dermatophagoides), auf deren Ausscheidungen das Immunsystem dabei überschießend reagiert, gehören zu den Spinnentieren (Arachniden). Hausstaubmilben tummeln sich vor allem im Staub von Matratzen, Betten und Polstermöbeln, aber auch in Teppichböden. Der Eiweißstoff, auf den sensibilisierte Menschen allergisch reagieren, das Allergen, ist in den winzigen Kotbällchen der Tiere enthalten. In getrockneter und zerfallener Form findet er sich im Hausstaub und wird eingeatmet.

Für Allergiker besteht der wirksamste Behandlungsschritt wo immer möglich darin, das auslösende Allergen zu meiden. Das macht Pretloves Überlegungen einleuchtend: „Wir wissen, dass Milben nur überleben können, wenn sie Wasser aus der Umgebung aufnehmen. Dafür benutzen sie feinste Drüsen auf ihrer Körperoberfläche“, erklärt der Forscher., „Eine so simple Tatsache wie die, dass das Bett den Tag über ungemacht bleibt, führt dazu, dass Feuchtigkeit aus dem Bettzeug und der Matratze verdunstet, so dass die Milben austrocknen und möglicherweise zugrunde gehen.“ Tatsächlich finden die Milben bei 65- bis 80-prozentiger Luftfeuchtigkeit – wie sie in ordentlich gemachten Betten zu finden ist – ideale Lebensbedingungen.

Ganztägiges Lüften des Bettzeugs, das der Gebäudespezialist Pretlove vorschlägt, reicht aber nach Ansicht von Allergiespezialisten trotzdem nicht, um die winzigen Mitbewohner loszuwerden, von denen über eine Million sich mit einem Schläfer eine Bettstatt teilen, die meisten von ihnen in der Matratze. Am wohlsten fühlen sich die winzigen Tierchen, die sich von Hautschuppen nähren, während der Schläfer sein Bett mit ihnen teilt. Dann haben sie Wärme und Feuchtigkeit im Überfluss. Auch exzentrische Forscher würden daraus aber kaum die Forderung ableiten, das Schlafen in Betten sicherheitshalber ganz zu vermeiden.

„Schon nach einem Monat ist auch eine neue Matratze nicht mehr milbenfrei“, erklärt der Allergie-Experte Torsten Zuberbier von der Berliner Charité, Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF). Dem Verzicht auf die Tagesdecke traut er da keine große Wirkung zu. „Wichtig sind für Allergiker aber milbendichte Matratzenüberzüge. Sie müssen hundertprozentig wasserdurchlässig und fein gewebt sein.“

Die meisten von uns werden von den Spinnentieren aber überhaupt nicht belästigt. „Der Kontakt ist ausschließlich für Allergiker schädlich“, erklärt Zuberbier. Noch ist auch keineswegs klar, ob eine hohe Belastung mit Hausstaubmilben automatisch ein höheres Risiko für die Entwicklung einer Allergie beinhaltet. Eine große deutsche Studie, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, konnte diesen Zusammenhang jedenfalls nicht herstellen. Heute ist unbestritten, dass für die Entwicklung einer Allergie Veranlagung eine große Rolle spielt.

In seinem nächsten Forschungsprojekt will der Engländer der Frage der Milbenvermehrung übrigens näher kommen, indem er Hausstaubmilben in Teebeutel füllt, die in Betten aus 36 britischen Versuchshaushalten verstaut werden. Aber selbst wenn er mit seiner Warnung vor dem Bettenmachen Recht haben sollte: Auf gesundheitliche Gründe dafür zu verweisen, dass das Bett ganztägig zerwühlt bleibt, das bliebe wohl auf jeden Fall das Privileg der armen Allergiegeplagten. Alle anderen haben keine Ausrede und müssen ihre Betten weiter ordentlich machen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben