Welt : Keine Pampers neben der Sauciere

Ein Wirt aus Kraiburg am Inn lässt Kinder nicht mehr ins Lokal – und löst damit eine heftige Debatte aus

Mirko Weber[München]

Neuerdings ist es ja fast überall in Deutschland ausgeschlossen, dass sich einer im Restaurant ein Gericht leistet, von dessen Geschmack er dann nicht viel hat, weil von rechts oder links ein anderer ihn mit Zigarettenqualm belästigt. Was hingegen weiterhin jederzeit passieren kann ist, dass jemand im Restaurant seinen Frieden möchte (oder in Ruhe seinen Fisch essen), es dann aber mit kleinen Kindern aus der Tischnachbarschaft zu tun hat, die natürlich nur spielen wollen. Und dann parken sie mit quengeligem Fleiß und recht geräuschvoll Matchboxautos zwischen fremden Hosenbeinen ein.

Dieter Hein, rheinischer Pächter des Lokals Hacienda in Kraiburg am Inn und im Übrigen vierfacher Vater, hat sich solche und viel schlimmere Szenarien jahrlang angeschaut und dann entschlossen verkündet, dass sein Restaurant keine Gäste mehr dulde, die unter zwölf Jahren alt seien.

Nun ist der Teufel los im Internet-Debattenwesen, wo die einen Hein als Kinderhasser outen wollen, während die anderen – ob Eltern, ob Nicht-Eltern – seine Courage loben, weil es ihnen selber schon mal zu viel geworden ist, wenn Erziehungsberechtigte es im öffentlichen Raum nicht vermögen, von ihren Kindern ein Mindestmaß an Manieren zu fordern.

Nun gibt es in Kraiburg am Inn viele andere Lokale und nicht jeder mag „Rinderfetzen Brasil“ oder „Spätzle-Samba- Pfanne“, die Hein im Angebot hat. Dennoch konzentriert sich gerade viel Aufmerksamkeit auf die Hacienda, weil hier ein Präzedenzfall vorliegt, der nicht nur für Bayern interessant sein dürfte.

Der Wirt lässt sich derweil von negativen Reaktionen nicht beirren: „Pampers am Tisch austauschen, Vasen herunter- schmeißen, Tischdecken mit Filzstiften bekritzeln – ich habe es probiert, aber wegen Kindern in meinem Restaurant habe ich immer mehr Gäste verloren“, sagt der Gaststättenbetreiber.

Mittlerweile beschäftigt die Sache auch die bayrische Staatsregierung. Familienministerin Christa Stewens (CSU) wertet die Geschichte als „besonders trauriges Beispiel für strukturelle Familienfeindlichkeit in Deutschland“. Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (BHG) kritisiert auch ein wenig, ist aber vor allem ratlos. Prinzipiell gilt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, aber das hilft hier nicht weiter. Wer mit unter Zwölfjährigen in die Hacienda wollte, müsste klagen. Lohnt das?

Vielleicht wäre schon damit geholfen, in diesem und ähnlichen Zusammenhängen simpel darauf aufmerksam zu machen, dass in einer Zweckgemeinschaft – und Restaurantbesucher sind eine Zweckgemeinschaft – eben nie jeder nur tun sollte, wonach ihm gerade ist. Man muss da gar nicht mal zu Kants Kategorischem Imperativ greifen, da tut’s auch die neue Kneipenordnung. Wer qualmt, geht aufs Trottoir raus, wer’s kreischig mag, kurz noch mal auf den Spielplatz. Und in der Wirtschaft entspannen sich die anderen derweil ein bisschen im Kollektiv: „Einatmen! Ausatmen! Und Ommmmhhhh...!“

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