Welt : Keine Panik - Experten sehen keine Gefahr

Adelheid Müller-Lissner

Was im Januar in Papas Fußballtrikot gefunden wurde, beunruhigt junge Eltern jetzt auch im Hinblick auf den Nachwuchs: Das Umweltgift Tributylzinn (TBT) wurde von der Umweltorganisation Greenpeace im Plastik von drei verschiedenen Fabrikaten von Wegwerfwindeln (in geringen Konzentrationen von vier bis acht Mikrogramm pro Kilo) nachgewiesen. Die Organozinnverbindung wird im Fertigungsprozess von Kunststoffen und Kunstfasern zur Stabilisierung verwendet. Von vergifteten Fischen ist beim Thema TBT deshalb immer wieder die Rede, weil die Chemikalie als "Antifoulinganstrich" für Schiffe dient und sich deshalb in hafennahen Gewässern findet.

Dass TBT, das den Meerestieren schadet, auch in der Babywindel gefährlich ist, ist allerdings nach Ansicht von Experten höchst unwahrscheinlich. Beim Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz (BgVV) in Berlin gibt man in dieser Hinsicht Entwarnung: "TBT kann in diesen Konzentrationen nicht zu Nervenschäden führen, denn so viel kann man über die Haut überhaupt nicht aufnehmen" sagte Sprecher Thomas Schlicht dem Tagesspiegel. Gunhild Kilian-Kornell, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinderärzte in Deutschland, hatte einen Tag zuvor in einem Interview mit dem Saarländischen Rundfunk dagegen gewarnt: Da die Haut im Windelbereich immer etwas feucht und wärmer sei, könnten Schadstoffe auf diesem Weg durchaus in den Körper gelangen. Die Folge seien "Hautreizungen bis hin zu Allergien, aber durchaus auch neurologische Erscheinungen".

Dass TBT aus der Windel durch Wasser überhaupt herausgelöst werden kann, ist jedoch schon deshalb unwahrscheinlich, weil die Zinnverbindung ausgesprochen schwer wasserlöslich ist. "Inwieweit die normale Milchsäure auf der Haut ausreicht, um auch nur einen Bruchteil der Verbindung aus der Windel herauszulösen, darüber gibt es keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen", sagt Matthias Brockstedt von der Berliner Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen, wo derzeit viele besorgte Eltern anrufen. "Hier wurde eine sinnvolle Verbraucherinitiative mit einem Sammelsurium von Vermutungen vermischt", ärgert sich der engagierte Umweltmediziner.

Auch beim BgVV sieht man neben der Notwendigkeit zu akuter Entwarnung den politischen Aspekt. "Es gibt Alternativen zu TBT. Auch wir fordern deshalb Hersteller und Importeure dazu auf, dafür zu sorgen, dass ihre Produkte TBT-frei sind." Die Empfehlung, zunächst andere Windelmarken als die drei von Greenpeace genannten zu verwenden, hält Schlicht dagegen nicht für sinnvoll. Da die Umweltorganisation ummöglich alle Fabrikate durchgetestet haben könne, sei der Umkehrschluss, alle übrigen enthielten kein TBT, gewagt. Die einzige Möglichkeit besteht folglich in einer Deklarationspflicht für Hersteller. Dann könnten bewusste Verbraucher sich für "garantiert TBT-freie" Windeln entscheiden. Ein Ausweichen auf Baumwollwindeln bringt zwar die Sicherheit, dass keine Chemikalien eingearbeitet sind, die sich nur bei der Kunstfaserherstellung als nützlich erweisen. Dafür kann eine Belastung mit Pflanzenschutzmitteln nicht völlig ausgeschlossen werden.

Trotzdem gibt es gute Gründe für den Einsatz der Wiederverwendbaren. Doch auf die Möglichkeit der Müllvermeidung durch den Einsatz der alten Stoffwindel wird von Umweltschützern seit langem hingewiesen. Eines jedenfalls sollte man in der ganzen Diskussion der Wegwerfwindel zugute halten: Ihr Siegeszug hat nicht unwesentlich zur Lebensqualität von Kleinkindern und zur Revolutionierung der Pädagogik beigetragen. Weil keine schmutzigen Windeln mehr gewaschen werden mussten, musste das Kind nicht so schnell "sauber" werden.

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