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Keine Witze über den Muezzin : Prozess in Istanbul wegen Beleidigung des Islam

05.06.2012 00:00 Uhrvon
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Foto: dpa - Foto: dpa

Fazil Say, der wichtigste Pianist und zeitgenössische Komponist der Türkei, soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft ins Gefängnis, weil er sich auf Twitter über die islamischen Vorstellungen vom Paradies und über lotterlebige Muezzine lustig gemacht hat.

Fazil Say, der wichtigste Pianist und zeitgenössische Komponist der Türkei, soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft ins Gefängnis, weil er sich auf Twitter über die islamischen Vorstellungen vom Paradies und über lotterlebige Muezzine lustig gemacht hat. Die Istanbuler Justiz setzte einen Prozess gegen Say für Oktober an; bei einer Verurteilung drohen ihm anderthalb Jahre Haft.

Der Pianist reagierte bestürzt: Er habe niemanden beleidigen wollen, schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Er werde überall angefeindet. „Ich kann nicht mehr.“ Aus der Kulturszene erhält der Musiker dagegen große Unterstützung: Mehrere tausend Künstler beteiligten sich an einer Internet-Unterschriftenaktion einer Musikzeitschrift.

Bei einem Auftritt in Istanbul machte das Publikum dem Pianisten Mut mit dem Sprechchor „Fazil Say lässt sich nicht unterkriegen“. Auf Facebook betonte Say, ein Gegner der islamisch-konservativen Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan, die Bedeutung der Meinungsfreiheit. Diese müsse für alle gelten.

Auslöser der Ermittlungen gegen Say waren ironische Kommentare des Musikers über den Islam. Per Twitter machte sich der bekennende Atheist unter anderem über einen Muezzin lustig, der es beim Gebetsruf besonders eilig hatte: In nur 22 Sekunden sei der Gesang vorüber gewesen, schrieb Say am 5. April – und fragte, ob der Mann rasch zur Freundin oder zur Schnapsflasche zurückkehren wollte. Zudem fragte er mit Blick auf die „Bäche von Wein“, die der Koran den Gläubigen verspricht, ob das Paradies eine Kneipe sei. Wegen der Jungfrauen, die laut Koran die Frommen im Jenseits erwarten, twitterte Say: „Ist das Paradies etwa ein wunderbares Bordell?“

Der „New York Times“ sagte Say nun, er habe die von einem anderen Twitter-Nutzer stammende Passage mit dem Paradies als Retweet weitergeleitet. Dennoch werde allein ihm der Prozess gemacht. Er hat angedeutet, die Türkei verlassen zu wollen; angeblich will er nach Japan auswandern. Einen Appell von Kulturminister Ertugrul Günay, er solle in der Türkei bleiben, wies Say jetzt, ebenfalls auf Twitter, schroff zurück: „Hör‘ auf mit dem Geschwafel!“

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