Kenia : Taxi ohne Schutz

Nach einer brutalen Mordserie an Fahrern in Kenia wird eine kriminelle Sekte verdächtigt – ihr geht es ums Geschäft.

Dagmar Dehmer

NairobiKenia leidet unter einer nicht enden wollenden Welle krimineller Gewalt. Die jüngsten Opfer sind Taxifahrer in der Hauptstadt Nairobi. Ende August sind mindestens 17 von ihnen brutal ermordet worden, ihre Leichen wurden verstümmelt, doch ihre Autos wurden unversehrt gefunden, berichtet die Tageszeitung „Daily Nation“. Diese angeblichen Ritualmorde geben Rätsel auf. Sind sie das Werk der Mungiki, die in ein neues Geschäftsfeld streben? Das fragt der „East African Standard“. Diese These ist plausibler als okkulte Hintergründe – aber auch beunruhigender.

Die Mungiki sind eine sektenartige kriminelle Vereinigung, die sich Ende der 80er Jahre gebildet hat. Ihre Angehörigen – nach eigenen Aussagen mehr als zwei Millionen Männer – gehören überwiegend zur größten Ethnie in Kenia, den Kikuyu. Die Gruppierung hat als religiöser Kult begonnen, der sich gegen westliche Werte wandte und eine Rückbesinnung auf afrikanische Traditionen forderte. Die Mungiki verlangen die Genitalverstümmelung bei Mädchen und haben immer wieder Frauen, die Hosen oder Miniröcke trugen, auf öffentlichen Plätzen ausgezogen und verprügelt. Als Vorbild nennen die Mungiki – was übersetzt Vielzahl oder große Menge bedeutet – die Unabhängigkeitskämpfer gegen die Briten in den frühen sechziger Jahren, die Mau Mau.

Seit den Neunzigerjahren verlagerte sich die Aktivität der Mungiki von Verteidigern der Kikuyu hin zu Schutzgelderpressern und Kriminellen. Vor allem in den Mathare-Slums der Hauptstadt Nairobi spielen sie eine große Rolle. So beherrschen sie die Wasser- und Stromversorgung und verlangen Gebühren für die Benutzung öffentlicher Toiletten. Auch das Geschäft mit den Matatu – Minibusse, mit denen in Kenia der öffentliche Verkehr organisiert wird – ist in ihrer Hand. Die Vermutung, die Mungiki könnten nun auch das Taxigewerbe übernehmen wollen, ist da nicht weit hergeholt.

Schon 2002 wurden die Mungiki als Organisation verboten. Im Dezember 2007, vor der in einem Chaos endenden Präsidentschafts- und Parlamentswahl, ging die Polizei monatelang rigoros gegen die Gruppierung vor, nachdem sie in einem Dorf 17 Menschen ermordet hatte. Einige Anführer wurden verhaftet, nach Angaben der kenianischen Menschenrechtskommission wurden aber auch mindestens 500 junge Männer, die im Verdacht standen, Mungiki zu sein, auf Polizeiwachen ermordet. Daraufhin hat Anfang dieses Jahres ein UN-Sonderermittler Interviews im Land geführt und einen vernichtenden Bericht über die kenianische Polizei vorgelegt. Allerdings gibt es trotz dieser offenkundigen staatlichen Repression nicht viele, die die Mungiki verteidigen wollen.

Im April metzelten die Mungiki 28 Bewohner eines Dorfes in der Zentralprovinz nieder. Der Grund: Eine Bürgerwehr der Dorfbewohner, die jahrelang zu Sondersteuern für die Mungiki gezwungen worden waren, wehrte sich und hatte zuvor ein Dutzend Mungiki vor ein illegales Gericht gestellt und ermordet. Allein in diesem Jahr sind dem Gewaltstrudel hunderte Menschen zum Opfer gefallen.

Eine besondere Rolle spielten die Mungiki auch in den Gewaltexzessen nach der umstrittenen Wahl 2007. Drei Tage lang jagten sie Angehörige anderer Ethnien, bis die Regierung schließlich die Armee in die beiden Städte Naivasha und Nakuru nordwestlich von Nairobi schickte. Die Hatz scheint im Palast von Präsident Mwai Kibaki, der selbst Kikuyu ist, geplant worden zu sein. In seinem Bericht über die Unruhen, den der Richter Philip Waki 2008 vorgelegt hat, werden Zeugen zitiert, die von mehreren Treffen zwischen Mungiki und Regierungsmitgliedern sowie prominenten Mitgliedern der Präsidentenpartei berichten.

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