Welt : Kennen Sie den?: Gesucht: Ein wahrheitssuchender Lehrer

Jennifer Wilton

Ein gesamtes Jahrhundert erleben nur die wenigsten. Der Gesuchte hatte dieses "große Glück", wie ein hessischer Ministerpräsident einmal über ihn sagte. Und er hatte dabei auch die Fähigkeit, das Erlebte "geistig zu durchdringen" - was ihm Weltruhm einbrachte, der sich unter anderem in zehn Ehrendoktorwürden, noch einmal so viel Akademie-Mitgliedschaften und diversen anderen Auszeichnungen niederschlug.

Natürlich hat der Mann studiert. Germanistik zum Beispiel und Altphilologie, aber auch Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Koranistik und Sanskrit. Mit 22 hat er promoviert und mit 29 war er bereits habilitiert. Logisch, der Mann ist ein Denker und Lehrer. Womit aber beschäftigt er sich genau? Nun, man könnte seine Arbeit mit einem Wort umschreiben: Es geht ums Verstehen. Der Begriff steht in leicht abgewandelter Form im Mittelpunkt seines Werkes.

Dass der ungeheure Fortschritt der Wissenschaften in den letzten hundert Jahren - den er ja selbst wie wenig andere mit verfolgen konnte - Antworten auf alle Fragen bringen könne, hält er für einen Irrglauben. Mehr Information heiße eben nicht zwangsläufig mehr Wahrheit. Denn diese "ist langsam und kommt erst allmählich zur Sprache".

Seinem wichtigsten Lehrer blieb er Zeit dessen Lebens geistig und freundschaftlich verbunden, was ihm übrigens Kritiker zuweilen zum Vorwurf machten. Der Verehrung, die ihm seine eigenen Schüler heute noch entgegenbringen, tat das keinen Abbruch. Und ab und zu ist er ungeachtet seines hohen Alters immer noch an der Universität in Heidelberg zu sehen.

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