Welt : Kennen Sie die?: Gesucht: Eine verhinderte Chemikerin

Roland Schulz

Eigentlich, sagte sie, hätte sie nicht im Traum daran gedacht, einmal Naturwissenschaften zu studieren. Dann aber studierte sie doch Chemie, denn es war damals eine andere Zeit und dieses Fach eine Möglichkeit zu einer kleinen Flucht - mit anderen, der Situation ebenfalls kritisch gegenüber stehenden Studenten diskutieren, in Konzerte gehen, im Chor singen. "Ich hoffte einfach auf bessere Zeiten", sagte sie einmal rückblickend.

Als die besseren Zeiten dann kamen, schien ihr Studium und sogar ihre Promotion über "Untersuchungen an den Hefemutterlaugen der technischen Ergosterin-Gewinnung" vergebens gewesen zu sein: Sie bekam lediglich eine halbe Stelle als Assistentin an der Münchener Universität. Damit konnte sie nicht leben, geschweige denn ihre beiden Geschwister unterstützen. Also begann sie Artikel zu schreiben. Erst wissenschaftliche Artikel, dann Texte über Schul- und Hochschulthemen - bis sie den Bundespräsidenten kennen lernte.

"Mädle, sie müsset in die Politik", soll der ihr in dem ihm eigenen Dialekt gesagt haben. So ging sie in die Politik. Schnell war sie Stadträtin, saß schließlich im Landtag und wurde zum Aushängeschild ihrer Partei, deren Ideale sie unerbittlich verfocht, egal wie schwierig dies war.

Einmal trat sie für diese Ideale sogar aus ihrer Partei aus. Diese Aufrichtigkeit brachte ihr viel Lob ein. "Wer so viel Mut hat", schrieb eine Münchner Zeitung, "konnte und kann noch immer anderen Mut machen: Frauen, die um ihre politischen Rechte kämpfen, Minderheiten, die Respekt und Toleranz einfordern, Bürgern, die gegen Neonazismus und neu aufkeimenden Antisemitismus angehen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar