Welt : Kessler-Zwillinge: Leben im Gleichklang

Andreas Oswald

Wer ist Ellen? Wer ist Alice? Ihr ganzes Leben konnten sie dieses Spiel spielen. Vor allem mit den Bildreportern. Während eines Fototermins fragten diese immer wieder, wer denn nun wer sei. Fast 40 Jahre lang haben die Kessler-Zwillinge eine Generation in ihren Bann geschlagen. Sie beherrschten das Show-Leben der Nachkriegszeit. Lag es an ihrer Stimme? Wohl kaum, so metallisch die klang. Die Beine? Die Körper? Es war wohl die Präzision, mit der das Paar sich synchron bewegte, deutsche Präzision, wie manche Kritiker sagten. Vielleicht war es aber eine Präzision, zu der nur Zwillinge fähig sind, die ihr ganzes Leben synchron gestalten. Heute werden Ellen und Alice Kessler 65 Jahre alt.

Es waren vor allem Franzosen, Amerikaner und die Italiener, die diese Präzision liebten, wenn es denn eine deutsche war, und diese Präzision war willkommener als jene, die das Ausland aus dem Krieg kannte. Es war ein bezauberndes Deutschland, das sich da präsentierte. Auch wenn es ein wenig kühl wirkte. Kritiker wurden nie müde, die Kälte ihres Lächelns und ihrer Ausstrahlung zu betonen.

Es war sicherlich keine pralle Sinnlichkeit, die die beiden "Bohnenstangen", wie es mitunter hieß, ihrem Publikum präsentierten. Sie tanzten präzise, lächelten präzise, sangen präzise, ja, auch ihr Haar schwang präzise mit, und dass es blond war, tat nicht nur bei den Italienern, aber vor allem bei ihnen, seine Wirkung. Durch ihre Präzision und ihren kalten Blick wirkten sie unnahbar. Gerade das machte sie für viele so anziehend.

Die Deutschen waren nicht immer glücklich mit den Zwillingen. Sie waren ihnen mitunter ein wenig zu amerikanisch. Und dass sie früh ins Ausland abgeworben wurden damals, das war fast Vaterlandsverrat.

Aber der Chef des Pariser Lido wusste, was gut ist, als er die beiden im Düsseldorfer "Palladium" sah. In Paris wurden die Zwillinge ein Riesenerfolg. Ihre ganze Karriere hindurch haben sie nie eine freie Brust gezeigt. Das hatte etwas mit Scham zu tun, mit Prinzipien, vielleicht auch mit Karrierekalkül. Eins ums andere Mal, so wird berichtet, wurden damals die BHs der beiden Superschlanken etwas ausgestopft. Als sich die beiden 1960 unabhängig machten, begann ein Siegeszug in aller Welt durch Film und Fernsehen. "Solang es hübsche Mädchen gibt", "Mit Rosen fängt die Liebe an", "Okay Mama" - solche Filme sind längst vergessen. Das gilt auch für Fernseh-Shows wie "Zu jung, um blond zu sein". Trotzdem sind die Kessler-Zwillinge ein Begriff geblieben. Wer sie gesehen hatte, auf der Bühne, auf der Leinwand oder dem Bildschirm, hat sie nicht vergessen.

Ellen und Alice Kessler wurden am 20. August 1936 im sächsischen Nerchau geboren. Ihr Vater war Ingenieur und schickte die beiden auf die Ballettschule der Leipziger Oper, damit sie sich graziöser bewegten. Ihre Karriere begann nach der Übersiedlung nach Düsseldorf. Den Höhepunkt erlebten sie zur Zeit des Fräuleinwunders, als andere Deutsche wie Elke Sommer, Romy Schneider und Senta Berger nach Hollywood gingen. Die Zwillinge traten mit Frank Sinatra und Sammy Davis jr. auf, was die Deutschen eher mit Naserümpfen quittierten.

Sinatra soll bei ihrem Anblick einst ausgerufen haben: "Shame - I just got married!" Womit wir bei den Männergeschichten wären. Gar mancher Mann wäre gerne mit ihnen zusammen ins Bett gegangen, sagen die Zwillinge, aber darauf hätten sie sich niemals eingelassen. Die beiden waren niemals verheiratet. Dafür erzählten sie in der Vergangenheit offen von ihren zahlreichen Männerbekanntschaften. Ihre Liebesnacht mit 19 Jahren mit Burt Lancaster beschrieb Ellen vor fünf Jahren dem "Stern": "Ich bin richtig hingeflossen, als er mich zu seinem Bett führte. Er tat, was er konnte, um mich in Fahrt zu bringen, aber es lief bei mir nicht. Ich war wie gelähmt. Ich dachte, dass ich zu lang bin, dass ich zu dünn bin, dass ich nicht genug Busen habe." Dass sich beide Frauen von zwei ägyptische Artisten im Alter von 17 Jahren entjungfern ließen, erklärte Ellen mit dem Schicksal, das wohl viele Zwillinge haben. "Es ist absurd, aber wir mussten alles immer synchron machen, wie auf der Bühne."

In der Beurteilung der Kessler-Zwillinge liegt eine eigentümliche Ironie. Sie, die für Perfektion und Gleichklang standen, repräsentieren eine Zeit, in der es auf Künstlerpersönlichkeiten ankam. Heute, wo Perfektion und Gleichklang bedeutend sind, erinnert man sich an die Kessler-Zwillinge als Künstlerpersönlichkeiten. Alice und Ellen Kessler leben heute in einem Haus bei München. Ihre Wohnungen sind nur durch eine Schiebetür getrennt.

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