Keuschheit : Das Fleisch ist doch schwach

Eine neue Studie zeigt: Wer Keuschheit gelobt, hat trotzdem Sex – in den USA entbrennt ein Glaubensstreit.

Christoph von Marschall
Kuss
Das Warten fällt vielen schwer. -Foto: dpa

WashingtonNeue Forschungsergebnisse über die Wirksamkeit sogenannter Keuschheitsgelübde haben einen Streit in den USA entfacht: Soll der Staat diese Strategie zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften und zur Eindämmung von Geschlechtskrankheiten weiter unterstützen? Organisationen, die zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe aufrufen und Jugendliche ermutigen, einen entsprechenden Eid abzulegen, erhielten in der Regierungszeit von George W. Bush eine staatliche Förderung von jährlich rund 200 Millionen Dollar. Meist haben sie einen kirchlichen Hintergrund. Sie berufen sich auf Umfrageergebnisse, die angeblich die Wirksamkeit dieser Programme belegen: Jugendliche, die das Gelübde ablegen, hätten deutlich weniger vorehelichen Sex und ein geringeres Risiko, sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken.

Doch nun meldet eine neue Studie der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in der Januar-Ausgabe der Zeitschrift „Pediatrics“ Zweifel an. Die Autorin Janet Rosenbaum sagt, wenn man Jugendliche mit ähnlichem sozialen und religiösen Hintergrund vergleiche, sei in dieser Hinsicht gar kein Unterschied zwischen denen, die das Gelübde ablegen, und denen, die es nicht tun, zu erkennen. In beiden Gruppen sei gut die Hälfte bereits vor der Ehe sexuell aktiv und zeige auch sonst ein ähnliches Sexualverhalten – mit einer Ausnahme: Jene, die Enthaltsamkeit gelobt hatten, greifen, wenn es dann doch zum Geschlechtsverkehr kommt, seltener zu Kondomen, nämlich nur zu 24 Prozent. In der Gruppe, die kein Gelübde ablegt, liege die Quote um zehn Prozentpunkte höher, bei 34 Prozent. Unter dem Strich schade der Druck, Keuschheitsgelübde abzulegen, womöglich mehr als er nutze. Sie stellte allerdings keinen Unterschied bei der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten in beiden Gruppen fest.

Progressive Sozialpolitiker fordern nun den neuen Präsidenten Barack Obama und die demokratische Parlamentsmehrheit zu einem Politikwechsel auf. James Wagoner vom Verband „Advocates for Youth“ sagte der „Washington Post“: „Der Kongress muss endlich die Realitäten der Sexualerziehung in Amerika zur Kenntnis nehmen.“

Die Befürworter der Keuschheitsgelübde sind dagegen empört über die Studie. Valerie Huber von der National Abstinence Education Association wirft der Wissenschaftlerin Rosenbaum vor, sie betreibe eine „ideologisch gefärbte“ und „methodisch unsaubere“ Forschung.

Rosenbaum hat keine neue Erhebung unter Jugendlichen gemacht, sondern benutzt dieselben Daten aus einer groß angelegten Langzeitumfrage, auf die sich die Enthaltsamkeitsadvokaten stützen. Im Regierungsauftrag hatten Demoskopen in den Jahren 1995, 1996 und 2001 Interviews mit 11 000 Jugendlichen aus den Schulklassen sieben bis zwölf geführt und sie über ihr Sexualverhalten, ihre Einstellung zur Sexualität und die Veränderungen im Laufe der Jahre befragt, darunter auch, ob sie ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatten.

Rosenbaum meint, die bisherigen pauschalen Vergleiche zwischen „Gelobern“ und „Nichtgelobern“ ließen keine belastbaren Aussagen zu, dass das Gelübde einen positiven Einfluss habe. Das Sexualverhalten werde nicht von einem einmaligen Versprechen beeinflusst, sondern von längerfristigen Faktoren wie der Einstellung der Eltern und der Erziehung. Ein Vergleich zwischen „Gelobern“ und „Nichtgelobern“ ohne Rücksicht auf deren familiären Hintergrund sei wie ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Rosenbaum konzentrierte sich deshalb auf 3400 Jugendliche, die 1995 noch keinen Sex gehabt und auch noch kein Gelübde abgelegt hatten. Aus dieser Gruppe wählte sie 289 aus, die 1996 ein Gelübde ablegten, sowie 645, die das nicht taten, aber ansonsten vom familiären Hintergrund, ihrer sexuellen Einstellung sowie der Einstellung ihrer Eltern her ähnlich waren. Den Ergebnissen zufolge waren die „Gelober“ nicht weniger sexuell aktiv als die „Nichtgelober“. Gut die Hälfte hatte Sex vor der Heirat und im Schnitt drei Sexualpartner vor der Ehe.

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