''Kid Nation'' : Reality-Show über ausgesetzte Kinder erregt die USA

Eine Fernsehsendung, in der 40 Kinder zwischen acht und 15 Jahren in einer Geisterstadt sich selbst überlassen werden, sorgt in den USA für heftige Kritik. Die Behörden ermitteln wegen Kinderarbeit.

Rob Woollard[AFP]

Los AngelesDie Reality-Show mit dem Namen "Kid Nation" (Nation der Kinder) wird von den Produzenten mit dem berühmten Roman "Herr der Fliegen" von William Golding verglichen, in dem Kinder nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel eine neue Gesellschaft ohne Erwachsene aufbauen. In der Wirklichkeit führt so ein Versuch allerdings zu ethischen und rechtlichen Problemen, die mittlerweile so groß sind, dass die für kommende Woche geplante Ausstrahlung der Sendung zunehmend in Frage gestellt wird.

Die Dreharbeiten zu der Show, die im Auftrag des TV-Senders CBS produziert wurde, fanden im April und Mai im US-Bundesstaat New Mexico statt. Dabei sollen die Kinder gezwungen worden sein, bis zu 14 Stunden täglich zu arbeiten. Die Behörden in New Mexico untersuchen derzeit, ob bei den Dreharbeiten gegen die Bestimmung zur Kinderarbeit verstoßen wurde. Außerdem habe sich ein Vater beschwert, seine Tochter sei bei einem Küchenunfall im Gesicht verbrannt worden. Andere Kinder sollen versehentlich Chlor getrunken haben.

Produzenten: "Wie im Ferienlager"

Der Erfinder der Sendung, Tom Forman, weist die Anschuldigungen zurück. "Die Kinder waren in guten Händen", teilte Forman in einer schriftlichen Stellungnahme mit. Die Sicherheitsbestimmungen seien mindestens genauso streng gewesen wie die "jedes beliebigen Ferienlagers im ganzen Land". Die Kinder hätten nicht gearbeitet sondern "teilgenommen" und dabei ihren eigenen Stundenplan festgelegt. Die Verantwortlichen der Sendung wiesen weiterhin darauf hin, dass ein Expertenteam von Psychologen und Medizinern den Kindern zur Seite gestanden hätte.

Die Kritiker haben sich davon allerdings nicht überzeugen lassen. Der Fernsehreporter Barry Garron meinte, CBS solle aufhören, für das Projekt Geld auszugeben und sich für die unausgegorene Idee entschuldigen. Die US-Schauspieler-Gewerkschaft "Screen Actors Guild" (SGA) zeigte sich schockiert über die "Ausbeutung der Kinder bei den Drehrarbeiten zu Kid Nation". Für Robert Thompson, Professor für Populärkultur, wiederum ist die wahre Frage, ob man Achtjährige in einem landesweiten Fernsehsender zur Schau stellen müsse.

CBS hat jedem der Teilnehmer einen Betrag von 5000 Dollar (3700 Euro) gezahlt. Darüber hinaus konnten die Kinder einen Bonus gewinnen, wenn sie Sonderaufgaben erfolgreich gelöst haben. Mehrere befragte Eltern gaben zu Protokoll, für sie sei nicht ausschlaggebend gewesen, dass ihr Nachwuchs Prämien im Wert von bis zu 20.000 Dollar mit nach Hause bringen konnte. Trotzdem lautet der Vorwurf an die Erziehungsberechtigten, sie hätten ihre Kinder wissentlich in Gefahr gebracht.

Auf eigenes Risiko: Produktionsfirma von jeder Verantwortung entbunden

In den Teilnahmebedingungen, die die Eltern unterschreiben mussten, entbanden sie die Produktionsfirma von jeglicher Verantwortung, falls ihre Kinder durch unvorhersehbare Ereignisse "schwere Verletzungen, Krankheiten oder auch den Tod" erleiden würden. Zu diesen Ereignissen zählen unter anderen Stürze und Angriffe von wilden Tieren, aber auch eine ungewollte Schwangerschaft. Eine Mutter verteidigte sich im Fernsehsender CNN, dass CBS das Projekt "Kid Nation" im Großen und Ganzen als Feriencamp dargestellt habe. "Den Kindern ist doch nichts Gefährliches passiert. Ich hätte meine Tochter dort nicht hingeschickt, wenn es auch nur die kleinste Gefahr gegeben hätte."

Erfinder Tom Forman sagt, das Ziel der Sendung sei eigentlich gewesen, "dass Kinder dort erfolgreich sind, wo die Erwachsenen scheitern" - nämlich beim friedlichen Zusammenleben in einer Gemeinschaft. Doch auch in der literarischen Vorlage von William Golding geht das Experiment nicht gut aus. In "Herr der Fliegen" entwickelt sich am Ende eine noch gewalttätigere Gesellschaft als die der Erwachsenen.

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