Kind in Gully geworfen : Eine Tat, die sogar die Ermittler erschreckt

Das Unfassbare geschah mitten in einer idyllischen Wohngegend mit schönen Altbauhäusern. Nur wenige hundert Meter vom Haus der Eltern entfernt, unweit der Fußgängerzone und der Wallfahrtskirche Mariendom des nordrhein-westfälischen Städtchens Velbert-Neviges, erlebte die neunjährige Kassandra ein grausames Martyrium.

Dorothea Hülsmeier[dpa]
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Unter diesem Kanaldeckel wurde das schwer verletzte Mädchen gefunden. Die Staatsanwaltschaft wertet das Verbrechen als versuchtes...Foto: dpa

Kaum hundert Meter von ihrem Nachmittags-Spieltreff entfernt, warf ein Unbekannter das Mädchen in einen Kanalschacht und rollte den über 30 Kilogramm schweren Deckel wieder über das Loch. Dem Spürhund Christo, der sie nach einem stundenlangen Großeinsatz der Polizei in dem Schacht fand, verdankt Kassandra ihr Leben. In Sichtweite des Tatorts liegt eine kleine Polizeistation.

Was zuvor passiert war, ist auch zwei Tage nach der grauenvollen Tat ein Rätsel. Schwer verletzt am Kopf und stark unterkühlt war das Mädchen in der Nacht zum Dienstag gefunden worden. Auch erfahrene Ermittler sind von der Grausamkeit der Tat sichtlich erschüttert. Wann Kassandra in den Schacht geworfen wurde, wie viele Stunden sie dort qualvoll ausharrte, ob sie um Hilfe rufen konnte – alles bleibt noch vage. Sie war nicht gefesselt und hatte auch ihre Kleider an. Es gebe keinen Hinweis auf ein Sexualdelikt, sagt der Leiter der Mordkommission, Wolfgang Siegmund. „Ich hoffe, sie war eine Zeitlang bewusstlos, damit sie dieses Martyrium nicht bewusst mitgemacht hat.“

Weil Kassandra in der Essener Uniklinik in ein künstliches Koma gelegt wurde, konnte sie noch nicht angehört werden. Das Mädchen schwebe nicht mehr in Lebensgefahr, ihr Zustand sei stabil, sagte Siegmund. Dieser Fall „hat uns erschreckt“, gab der erfahrene Ermittler zu. „Nach 10, 15 oder 20 Stunden wäre das Kind verstorben.“ Wegen des starken Regens hätte das Mädchen ertrinken können.  Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt aus Wuppertal wertete das grausame Verbrechen als versuchtes Tötungsdelikt. Da der schwere Gullydeckel wieder auf den Schacht gelegt worden sei, müsse der Täter davon ausgegangen sein, dass das Kind in seiner aussichtslosen Lage stirbt.

Bei der Suche nach dem Motiv tappen die Ermittler im Dunkeln. Jede Tat habe einen Grund, sagte Siegmund. „Mir erschließt sich dieser Grund im Moment absolut nicht.“ Ein Jugendlicher, der in diesem Zusammenhang genannt worden sei, sei befragt worden. Gegen ihn bestehe kein Tatverdacht, betonte der Ermittler.

Kinderlachen ertönt am Mittwochmorgen aus dem Kindergarten an der Tönisheider Straße und aus der katholischen Ganztagsschule auf der anderen Straßenseite. Einen Steinwurf von Kassandras Fundort entfernt spielen die Kinder im Garten neben einer Turnhalle. Hinter der Halle verläuft ein kleiner Trampelpfad. Zwei Kanaldeckel gibt es dort, der Täter steckte Kassandra in den hinteren. Der Pfad ist abgesperrt, Ermittler des Landeskriminalamts suchen nach Spuren. Bis zum Nachmittag hatte die Polizei noch keine verwertbare DNA des Täters.

Für die Kinder ist das Verbrechen noch kaum zu verstehen, umso fassungsloser und verängstigter sind die Eltern und Betreuer. Eine Mutter hetzt vorbei. „So lange der Täter nicht gefasst ist, hole ich meine achtjährige Tochter ab“, sagt die 39-Jährige. Auch die 43- jährige Gina Sinhöfer holt ihren Sohn aus der Schule und die fünfjährige Tochter aus dem Kindergarten ab. „Ich habe ihnen eingeschärft, dass sie auf jeden Fall in ihrer Gruppe bleiben sollen“, sagt sie.

Kassandra hatte am Montagnachmittag wie so oft den offenen Spieltreff in der ehemaligen Volksschule an der Tönisheider Straße besucht. Sie war alleine mit drei Betreuern in dem Hort, diese hätten jedoch nicht mitbekommen, wann und wie Kassandra gegangen sei. Zuletzt sei sie dort gegen 17.30 Uhr gesehen worden. Die Polizei geht davon aus, dass das Mädchen direkt nach Verlassen des Gebäudes auf den Täter traf und hinter die angrenzende Turnhalle gezerrt wurde.

Weil Kassandra nicht nach Hause kam, schalteten die Eltern am Abend die Polizei ein. Bis in die Nacht waren Suchtrupps mit einem Hubschrauber samt Wärmebildkamera und Spezialscheinwerfern sowie einer Staffel aus zehn Spürhunden im Einsatz. Kurz nach 1.00 Uhr dann schlug Christo an.

Für Ulrich Koch von der Polizei Mettmann ist das Verbrechen „so unerklärlich vom Motiv und den denkbaren Umständen, dass ich gar keine vergleichbare Tat kenne“. Und Ermittler Siegmund sagt: „Wir haben die Hoffnung, dass Kassandra wach wird und uns etwas sagen kann.“

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