Kinder-Comic von Hergé : Geschwister auf der Flucht

Eine Serie mit normalen Kindern als Hauptfiguren bestellte sein Verleger beim Comic-Autor Hergé - der lieferte. Ihre Verwandschaft zu "Tim und Struppi" wollte der aber nicht verleugnen.

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„Jo, Jette und Jocko“ von Hergé
„Jo, Jette und Jocko“ von HergéFoto: Carlsen

Tim hat keine Familie, nur einen Hund. Aus Sicht der französischen Verleger von Curs Vaillants keine kindgerechte Konstellation, und deshalb baten sie Hergé Mitte der 1930er Jahre um eine Comic-Serie mit normalen Kindern als Hauptfiguren, die Eltern haben und in die Schule gehen. Der "Tim und Struppi"-Erfinder lieferte ihnen das Geschwisterpaar Jo und Jette - und weil er gerade an einem Auftrag für ein Spielzeugunternehmen saß, stellte er den beiden den Affen Jocko als Gefährten zur Seite. Von „Jo, Jette und Jocko“ kamen schließlich drei Abenteuer auf den Markt, die heute auf fünf Alben verteilt sind.

Der Doppelband „Die Manitoba antwortet nicht“ und „Der Ausbruch des Karamako“, den der Carlsen Verlag nun neu aufgelegt hat (je 52 Seiten, je 12 Euro, die restlichen Alben folgen im Herbst), ist eine Science-Fiction-Geschichte, in der ein größenwahnsinniger Wissenschaftler versucht, in einem Unterwasserlabor eine Armee von Robotern herzustellen und zur Finanzierung seines Projekts Schiffe auf dem Atlantik überfällt.

Dabei geraten auch die drei jungen Protagonisten in die Fänge der Bösewichter, können zwar fliehen, werden dann aber von Kannibalen gemästet und fast verspeist (genauso politisch inkorrekt dargestellt wie in „Tim im Kongo“), um wieder in die Fänge der Bande zu gelangen.

Jo und Jette haben zwar wie gefordert Eltern, doch deren Rolle ist darauf beschränkt, sich Sorgen zu machen. Erst spät greift der Vater ins Geschehen ein. Trotzdem empfand Hergé die Vorgabe als einschränkend, was vermutlich dazu geführt hat, dass er die Serie nicht weiter entwickelte und sich ganz auf den elternlosen Tim konzentrierte.

Der Doppelband ist gleichwohl eine rasante, phantasievolle Erzählung, die atmosphärisch auf den Hergé-Kosmos zugreift: mit bildähnlichen Szenen zum Beispiel aus „Tim in Amerika“ und mit viel Liebe für die nautische Welt.

Auch die Figuren sind nicht unvertraut: Die Serie erschien zwischen 1936 und 1939, als Hergé an den Tim-und- Struppi-Bänden „Der Blaue Lotos“ und „Der Arumbaya-Fetisch“ arbeitete. Und so sieht Jo durchaus dem Chinesen Tschang ähnlich, den Tim im „Blauen Lotos“ kennenlernt. So sind die Bände auch als Kommentar Hergés zu seinem Hauptwerk zu lesen: Als Jette aus den Fängen der Piraten gerettet wird, lungern Reporter vor ihrer Zimmertür, um ein Interview zu ergattern. Genervt sagt einer der Wartenden: „Journalismus ... Was für ein Beruf!“ So viel Distanz zu seiner eigenen Tätigkeit hätte sich der rasende Reporter Tim niemals erlaubt.

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