Welt : Kinder von Kindern

Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften steigt – und Zehn- bis 14-Jährige treiben ab

Merlind Theile

Von Merlind Theile

Sie sind selbst noch Kinder und bekommen schon welche: In Deutschland werden immer mehr Mädchen immer früher schwanger – und treiben immer häufiger ab. Das geht aus einer Studie des Landauer Sexualforschers Norbert Kluge hervor.

Kluge stützt sich auf Daten des Statistischen Bundesamtes. Danach wurden 1996 in Deutschland 9490 Minderjährige schwanger. Im Jahre 2001 waren es bereits 12845.

Jetzt hat der Sexualforscher Kluge Alarm geschlagen. Unter den Zehn- bis 14-Jährigen Mädchen hat sich die Zahl der Abtreibungen seit 1996 mehr als verdoppelt – von 365 auf 761 Fälle. Allein im Jahre 2002 stieg die Zahl um 9,3 Prozent. Und das sind lediglich die gesicherten Zahlen. „Es gibt in diesem Bereich mit Sicherheit eine hohe Dunkelziffer“, sagt Kluge.

Diese Entwicklung steht im Gegensatz zum Trend in allen anderen Altersgruppen. Denn die Gesamtzahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland ist im vergangenen Jahr um 3,4 Prozent gesunken.

Warum werden immer jüngere Mädchen immer häufiger schwanger?

Frühere Reife

Kluge verweist auf die zunehmend früher einsetzende Geschlechtsreife. Diese habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter vorverlagert: Während noch vor 100 Jahren Mädchen etwa im Alter von 16 Jahren ihre erste Periode bekamen, lag das Durchschnittsalter im Jahr 1980 schon bei zwölfeinhalb. „2010 werden Mädchen im Durchschnitt mit zehn Jahren ihre Tage bekommen“, prognostiziert Kluge.

Bessere Ernährung, stabilere Gesundheit, höhere Hormonzufuhr – all das lasse die fruchtbare Phase bei Mädchen früher einsetzen. Hinzu kämen äußere Faktoren: Das Thema Sexualität ist in den Medien immer präsenter und wird somit auch für die ganz Jungen interessant. Die Neugierde steigt – und auch der Gruppendruck. „Wenn es um sexuelle Fragen in der Clique geht, will jeder mitreden können“, sagt der Sexualforscher.

Mitreden und mitmachen – durch ihre frühe Reife haben Jugendliche heute viel eher Gelegenheit, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Doch das Problem ist nach Angaben Kluges, dass die Aufklärung fehlt. „Die jungen Menschen haben zwar das Werkzeug, doch quasi keine Gebrauchsanleitung“, sagt Kluge. Bei vielen Zehn- bis 14-Jährigen bestimmten Halbwissen und Vermutungen das Sexualverhalten. „Wir dachten, beim ersten Mal passiert nichts“ – laut Kluge herrscht diese naive Annahme bei vielen Jugendlichen vor. Die ungewollte Schwangerschaft ist vorprogrammiert.

Der Sexualwissenschaftler fordert deshalb eine früher einsetzende und vor allem gründlichere Aufklärung im Elternhaus und in der Schule. „Eltern und Lehrer müssen endlich akzeptieren, dass junge Leute heute früher reif werden als sie selbst, und entsprechend handeln.“ Eine einmalige Aufklärung sei dabei zu wenig. „Junge Menschen müssen zur Sexualität erzogen werden – das kann nur kontinuierlich geschehen.“ Fragen müssten offen beantwortet, sexuelle Themen ausführlich behandelt werden – und zwar schon in der Grundschule. „Wenn heute nachweislich bereits Zehnjährige schwanger werden können, muss der Sexualunterricht entsprechend angepasst und die Lehrpläne entrümpelt werden.“ Man müsse den Kindern bewusst machen, dass aus ihrem sexuellen Verhalten Kinder entstehen können.

Auch die Eltern nimmt Kluge in die Pflicht: „Meist werden die Mädchen von den Müttern aufgeklärt, und die Jungs bleiben zu Hause auf der Strecke.“ Hier seien vor allem die Väter gefordert.

Dass Aufklärung wesentlich zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften beiträgt und damit auch die Zahl der Abtreibungen senkt, zeigt die Statistik der 15- bis 17-Jährigen: In dieser Altersgruppe, die nachweislich besser aufgeklärt ist als die Jüngeren, sank im vergangenen Jahr die Zahl der Abbrüche um 227 auf 6682 Fälle. Demgegenüber entfällt heute bereits jeder zehnte Schwangerschaftsabbruch bei Minderjährigen auf die Gruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen.

Eine junge Statistik: Noch 1996 waren Schwangerschaftsabbrüche bei Zehnjährigen in Deutschland unbekannt. 1999 wurden offiziell sechs Abbrüche bei zehnjährigen Mädchen registriert, 2002 bereits 20. Bei den 14-Jährigen waren es 587. Nach den Recherchen des Sexualforschers kletterte im gleichen Zeitraum auch die Zahl der von minderjährigen Müttern geborenen Kinder, wenn auch nicht im gleichen Tempo. So wurden 1996 insgesamt 4766 Geburten registriert, bei denen die Mütter unter 18 Jahre alt waren. Bis 2001 stieg die Zahl auf 5240.

Nimmt man Abbrüche und Geburten zusammen, so hat die Zahl der Teenagerschwangerschaften laut Kluges Studie von 1996 bis 2001 insgesamt um 35,4 Prozent auf 12845 zugenommen.

Weiteres Ergebnis: Während sich das Verhältnis von Geburten und Abtreibungen bei minderjährigen Mädchen 1996 noch auf etwa eins zu eins belief, habe 2001 die Zahl der Abtreibungen die der Geburten bereits um etwa 50 Prozent übertroffen: „Dies dokumentiert die allmählich zunehmende Bereitschaft der unter 18-jährigen Frauen, ein unerwünschtes Kind eher abzutreiben“, sagt Kluge.

Dass die sexuelle Aufklärung früh einsetzen muss, glaubt auch Elisabeth Pott von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Das ist ein Prozess, der von Kindheit an geschehen muss.“ Allerdings müsse das Thema altersgerecht vermittelt werden. Man dürfe den Kindern nicht zu früh zu viel zumuten – volle sexuelle Aufklärung über Sexualpraktiken und Verhütung käme für viele Zehnjährige zu früh.

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