Kinderbetreuung in England : Wer Kontakt zu Kindern hat, ist verdächtig

Um Missbrauch zu verhindern, müssen sich in England alle Personen registrieren lassen, die Kinder betreuen. Das führt zu allerhand Verunsicherung.

Parvin Sadigh

Leanne Shepherd und Lucy Jarrett sind Polizeibeamtinnen und Mütter kleiner Kinder. Ihre Schichten in Buckinghamshire in England dauern zehn Stunden. Manchmal fallen auch noch Überstunden an. Die beiden Freundinnen haben unter diesen schwierigen Arbeitsbedingungen ein gutes Arrangement gefunden. Sie teilen sich den Job, und während die eine arbeitet, passt die andere auf die kleinen Mädchen auf. Das eine, Edie ist zwei, das andere, Amy, drei Jahre alt. Auch die beiden Kinder genießen es, beisammen zu sein. Perfekt würde man meinen. Viele berufstätige Mütter würden sie beneiden.

Doch dann kam das Verbot. Irgendwer, vermutlich ein Nachbar, hatte die Frauen angezeigt. Ein neues Gesetz, das Kinder vor Missbrauch schützen soll, besagt nämlich, dass sich jeder registrieren lassen muss, der Kinder regelmäßig betreut, das heißt mehr als zwei Stunden am Stück oder vierzehn Tage im Jahr. Außerdem muss ein Babysitter zum Beispiel einen Erste-Hilfe-Kurs belegen. Leanne Shepherd und Lucy Jarrett hatten sich nicht überprüfen lassen und keinen Kinderpflegekurs absolviert.

Frau Shepherd bekam daraufhin unangekündigten Besuch von einem Mitarbeiter der Ofsted, einer Regierungsstelle, die Schulen und andere Bildungseinrichtungen überprüft. Er bestimmte, dass das Arrangement unter den beiden Freundinnen illegal sei und sofort gestoppt werden müsse. Eine Katastrophe, nicht nur für die arbeitenden Mütter, die auf die Schnelle eine Ganztageskrippe finden mussten, sondern auch für die Kinder.

Das hat eine Menge Empörung hervorgerufen. 20.000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, die eine Änderung des Gesetzes fordert. Man fühlt sich überwacht und bevormundet, aber nicht beschützt.

Dabei soll das neue Gesetz gerade das erreichen. Dazu sollen etwa elf Millionen Briten in dem neuen Register erfasst werden: Lehrer, Erzieher, Fußballtrainer, Kinderärzte und viele mehr. Die Mitarbeiter der Independent Safeguarding Authority (ISA)  dürfen Risiko-Profile verdächtiger Personen erstellen. Interessen, Einstellungen, Beziehungen und Lebensstil werden dann vermerkt.

Nun rudert Ed Ball, der fürs Kindeswohl zuständige Minister, zurück. So sollen Freunde, die sich gegenseitig bei der Kinderbetreuung helfen, ohne sich dafür zu honorieren, nicht mehr überprüft werden und auch keine Kinderpflegekurse besuchen müssen. Überhaupt sei es nie die Absicht gewesen, solche Vereinbarungen zu zerstören. Er betonte auch, dass Großmütter und -väter, Onkel und Tanten ebenfalls nichts zu befürchten hätten, wenn sie etwas mit den Kindern ihrer Kinder oder Geschwister unternehmen.

Für Amy und Edie besteht damit Hoffnung, dass sie wieder zueinander finden. Doch viele andere Menschen wird das Gesetz abschrecken, sich spontan um Kinder zu kümmern.

Quelle: ZEIT ONLINE

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