Welt : Kinderbuch: Das Kaninchen bin ich

Thomas Schaefer

Überall hat Burkhard Spinnen reüssiert: Mit preisgekrönten Bänden mit Erzählungen, mit dem Roman "Langer Samstag", als Essayist. Nun versucht sich Spinnen als Kinderbuchautor. Und wieder: verblüffend gekonnt. Auch bezieht er Stoff aus dem unspektakulären Alltagsleben.

Konrad Bantelmann ist zehn. Auf den ersten Blick ist der Junge normal und kreuzbieder. Seine Musterfamilie - Vater, Mutter, zwei wohlgeratene Söhne - ist eben in ein sauberes Neubaugebiet gezogen, in eins dieser typischen "sogenannten Doppelhäuser" "für zwei Familien und zwei Autos", mit Bonsai Garten und Auto.So ein Wagen muss länglich sein, eine Heckklappe haben und eine Garage. Und auf der Heckklappe muss ein Baby-an-Bord-Shcildchen kleben. Es sind all die für gediegenen Mittelstand symptomatischen Accessoires, die Spinnen leicht ironisierend ausmalt. Hier herrscht eine Monokultur zeitgeistlicher Bürgerlichkeit, in der das größte Kinderunglück darin besteht, dass der dumme kleine Bruder Kakao verschüttet.

Aber es geht auch anders. Das muss Konrad erfahren als er Fridz kennenlernt. Zunächst hatte er auf Grund des Namens gemeint, einem Jungen zu begegnen; als er den für ihn fatalen Irrtum bemerkt (denn Mädchen findet er natürlich grässlich), ist es zu spät. Fridz (eigentlich Friederike) ist resolut und dominant, schroff und herzlich zugleich, "das mit weitem Abstand frechste Mädchen, das Konrad jemals begegnet ist". Ihr gegenüber "kommt sich Konrad vor wie einer, der in seinem Leben noch gar nichts Richtiges erlebt hat. Irgendwie klein kommt er sich vor". Vielleicht, weil sie nicht in einem so behüteten Nest hockt wie Konrad: Gerade hat ihr Vater die Familie verlassen, und die etwas chaotische, alternativ angehauchte Mutter lebt nun als Alleinerziehende in einem Haushalt, der sie so überfordert, dass die Tochter auf bisweilen recht zynische Weise die Regie übernimmt."Wer das Schlimmste weiß, hat gewonnen".

Scheidung, Streit und ähnliche zwischenmenschliche Katastrophen waren Konrad bislang fremd. An der Seite von Fridz lernt er in ein Leben zu gehen, das schwieriger aber auch lohnender ist als das Spiel im eng umgrenzten Neubauquartier. Gemeinsam plane die Kinder, sich an der neuen Freundin von Fridz zu rächen, wobei der Titel gebende Belgische Riese, ein Mammut-Kaninchen, eine Schlüsselrolle einnimmt.

Wunderbar, dass der Autor die Sache weder dramatisch noch idyllisch enden lässt, sondern offen. Er nimmt seine Leser ernst, wie es bei Kinderbüchern selten ist. Die Art, wie er eine Problem orientierte Geschichte mit Witz und Spannung umkleidet, erinnert in bestem Sinn a Christine Nöstliger. Das heißt: auch im Kinderbuch Bereich tummelt sich Spinnen auf den erstklassigsten Rängen. Dem tut auch keinen Abbruch, dass Erwachsene von der Lektüre vielleicht doch etwas mehr haben als Kinder von der Ironie, mit der Spinnen den Familien- und Ehealltag skizziert, die unterschwelligen Spannungen, die gravierenden Banalitäten, den zu Albernheit und fantasievollen Geschichten neigenden Vater (ein unverhohlenes Selbstportrait des Dichters als praktizierender Vater) und die stille Mutter, all diese trefflichen Portaits und Beobachtungen des Alltags, die bereits die bisherigen Bücher Spinnens ausgezeichnet haben. Deren Quelle offenbart der erzähl freudige Vater: "Das Leben ist voller angefangener Geschichten. Man muss sie nur richtig zu Ende erzählen". Bücher von Burkhard Spinnen garantieren glückliche Leser.

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