Kinderbuchautorin Shelly Elkayam : "Gilat Schalit hat mein Buch gestohlen"

Die Kinderbuchautorin Shelly Elkayam will die Familie des 2006 entführten israelischen Soldaten wegen Plagiats verklagen. Und tatsächlich ist Gilats Schalits Buch nahezu eine 1:1-Kopie.

Sarah Stricker

Die Verzweiflung schießt Shelly Elkayam ins Gesicht. „Natürlich will ich auch, dass der Junge frei kommt“, ruft sie mit hochrotem Kopf, „aber dafür können sie doch mich nicht opfern.“ Drei Jahre hat sie darauf gewartet, gehört zu werden. Eine Zeit, in der ihre Ersparnisse zusammenschrumpften, während ihr selbst Freunde rieten, zu schweigen. „Sie haben gesagt, die Menschen werden über dich herfallen, wenn du etwas gegen Gilat sagst. Aber ich muss doch auch von etwas leben. Meine Geschichte kann doch nicht einfach unter den Tisch fallen.“ Es ist die Geschichte eines Kinderbuchs, das unversehens zum Politikum wurde. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der bei den Hausaufgaben geschummelt hat. Und darüber, wie wenig die Wahrheit zählt, wenn sie der öffentlichen Meinung widerspricht.

Sie beginnt am 26. Juni 2006, jenem Tag, an dem der israelische Soldat Gilat Schalit von der Hamas entführt und in den Gazastreifen verschleppt wurde. Seither vergeht keine Woche, ohne dass das Foto des Gekidnappten auf der Titelseite einer israelischen Zeitung prangt. Die Anteilnahme ist ungebrochen, was vor allem Gilats Eltern zu verdanken ist. Sie sorgen dafür, dass das Schicksal ihres Sohnes nicht aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerät. Sie haben UN-Generalsekretär Ban Ki Moon getroffen, im Haus Benjamin Netanjahus gehen sie ein und aus.

Und die Medienoffensive trägt Früchte. Es gibt T-Shirts mit dem Bild Gilats zu kaufen, es finden öffentliche Gebete und Demonstrationen für den heute 23-Jährigen statt. Jedes noch so kleine Infohäppchen wird begierig aufgenommen. So auch die Fabel, die eine ehemalige Lehrerin Gilats nach der Entführung wiederfand und den Eltern überreichte. Die Erzählung, die Gilat als 11-Jähriger als Hausaufgabe verfasste, handelt von einem Wal und einem Fisch, die sich im Meer treffen und verstecken spielen. Als sie ihren Müttern von ihrer Freundschaft erzählen, verbieten die den Kontakt, weil der Hai der natürliche Feind des Fisches sei. Erst Jahre später finden sie wieder zusammen und schließen Frieden.

Elkayam versucht vergeblich, die Öffentlichkeit auf das Plagiat aufmerksam zu machen

2007 entschieden die Schalits, die Geschichte zusammen mit Zeichnungen ihres Sohns unter dem Titel „Als der Hai und der Fisch sich das erste Mal trafen“ zu veröffentlichen. Nicht nur in Israel war das Buch ein Verkaufsschlager. Der Text wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die Einnahmen gehen in eine Stiftung, mit der die Kampagne zu Schalits Freilassung finanziert wird. Die Geschichte hat nur einen Haken. Gilat hat abgeschrieben. Das Original stammt aus der Feder der Autorin Shelly Elkayam. Deren Kinderbuch „Als die Schlange und die Maus sich das erste Mal trafen“ erschien bereits 1986. Als Gilat in der 5. Klasse war, stand es auf dem Stundenplan. „Ein Bestseller, 21 Jahre lang, 17 Auflagen – bis die Schalits kamen“, sagt Elkayam.

Tatsächlich ist Gilats Buch nahezu eine 1:1-Kopie. „Er hat aus der Schlange einen Wal gemacht und statt im Wald spielt es im Meer. Aber die Struktur, die Botschaft, das ganze Konzept ist dasselbe.“ Wirklich leugnen wollen das nicht mal die Eltern Schalits. Im Vorwort zu Gilats Geschichte schreiben sie, das Buch sei von Elkayams „Als die Schlange und die Maus sich das erste Mal trafen“ inspiriert. „Aber sie haben mich nicht gefragt, ob ich einverstanden bin. Und seither kauft niemand mehr mein Buch. Es war meine Haupteinnahmequelle, in den letzten drei Jahren sind mir mindestens 400 000 Euro dadurch verloren gegangen.“

Elkayam versucht, die Öffentlichkeit auf das Plagiat aufmerksam zu machen, aber niemand will ihre Version bringen. Vor einigen Wochen ging ein neues Nachrichtenportal in Israel an den Start: Mysay.co.il. „Sie waren die Ersten, die mich nicht zensiert haben.“ Seither klingelt ihr Telefon pausenlos. Viele feinden Elkayam an. Aber es gibt auch jene, die sich plötzlich an die Maus und die Schlange erinnern und sie unterstützen. Die Schalits weigern sich bisher, sich zu ihrer Forderung nach Tantiemen zu äußern. Deshalb will die Autorin jetzt klagen. „Ich liebe Gilat – ich habe ja selbst zu seiner Bildung beigetragen. Ich bete wie das ganze Land, dass er gesund heimkommt, aber seine Eltern haben meine Geschichte gestohlen. Die Gesellschaft erlaubt ihnen, Unrecht zu tun. Das geht nicht.“

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