Kindsmord in Großbritannien : Im Taumel aus Trauer und Selbsthass

Der Mord an einem Elfjährigen erschüttert die Briten – Politiker beklagen eine zerbrochene Gesellschaft.

Matthias Thibaut
Blumen
Am Tatort in Liverpool haben Freunde Blumen und ein Foto von Rhys und seinen Schulkameraden niedergelegt. -Foto: AFP

LondonDer Mörder kam mit einem schwarzen BMX-Fahrrad und schwarzem Kapuzenpulli. Höchstens 15 soll er sein. Ein schlanker, weißer Junge, der sich stark fühlte, weil er eine Pistole hatte. Das Opfer war elf Jahre alt, hatte gerade die neue Schuluniform für die Oberschule gekauft. Rhys Jones, ein schüchterner Junge, der viel lachte und für den Fußball und seinen Verein Everton lebte. Nun soll die Tat, wie die „Sun“ am Freitag versprach, die britische Nation zur Besinnung bringen. „Großbritannien trauert. Wegen des entsetzlichen Mordes an Rhys Jones. Und wegen der Gesellschaft, die wir geschaffen haben. Wie tief sind wir gesunken“.

Nicht zum ersten Mal versetzt Mordgewalt von Kindern an Kindern die Briten in einen Taumel aus Trauer und Selbsthass. Die Reihe der Opfer geht weit zurück. Jamie Bulger, der zweijährige, der 1992 bei Liverpool von Zehnjährigen ermordet wurde. Damilola Taylor, der zehnjährige Nigerianer, der 1998 in einem Londoner Sozialblock verblutete. In diesem Jahr wurden in England bereits acht Kinder erschossen, sechs bei Bandenkriegen in London. In Manchester wurde der 15-jährige Jessie James getötet, weil er sich weigerte, einer Bande beizutreten. Vor zwei Wochen wurde ein Familienvater von Jugendlichen zu Tode geprügelt, weil er sie ermahnt hatte, keine Steine zu werfen.

Rhys spielte auf dem Parkplatz vor dem Fir Tree Pub in Croxteth bei Liverpool Fußball, als der Fahrradmörder kam. Ein Pub, im Niemandsland zwischen dem Croxteth Estate, der zerfallenden Sozialsiedlung, in der auch Fußballstar Wayne Rooney aufwuchs, und Croxteth Park, mit seinen Reihenhäusern und Bäumen, wo Rhys wohnte. Er war ein wohlerzogenes Kind. Abends um acht musste er zu Hause sein. Die Familie hatte gerade auf Menorca Urlaub gemacht. „Er war nicht in einer Bande. Er wusste nicht einmal, was das ist“, sagte seine Mutter Melanie. „Er war erst elf. Unser Baby.“ Keinen Tag nach dem Mord an ihrem Sohn werden die Eltern im Fernsehen interviewt. Vater Stephen beschreibt, wie er in der Unfallklinik seinen leblosen Jungen findet. In seinem Everton-Fußballhemd liegt Rhys in einer Blutlache. „Wir streichelten ihn. Wir herzten ihn. Wir küssten ihn. Er war erst elf.“

Niemand könne die Trauer, den Verlust, den Schock von Rhys’ Eltern je begreifen, sagte Premier Gordon Brown und versprach härtere Gesetze. Aber die Briten haben schon sehr harte und sehr lange Gefängnisstrafen, auch für Jugendliche. Die Mindeststrafe für illegalen Schusswaffenbesitz ist fünf Jahre Gefängnis. Aber zwischen 1998 und 2005 hat sich die Zahl der Schusswaffendelikte fast verdoppelt. „Schusswaffen gehören in Teilen Großbritanniens zum Alltagsleben“, sagte Liverpools stellvertretender Polizeichef Simon Byrne.

Dort, wo Rhys von der Kugeln niedergestreckt wurde, stand am Freitag das Zelt der Spurensicherung. In der Nähe haben Freunde Blumen und einen Teddybären niedergelegt. Rhys, so die gängige Theorie, wurde das unschuldige Opfer prahlerischer Bandengewalt. „Crocky Eds“ und „Nogzy Eds“ heißen die rivalisierenden Banden in den Sozialsiedlungen von Croxteth. Sie führen ihre Waffenarsenale in Youtube-Filmen vor. 50 Pfund kostet eine Pistolennachbildung, die für wenig Geld umgebaut werden kann.

Nun nehmen sich wieder die Politiker der Sache an. „Unsere Wirtschaft ist stark. Aber wir haben eine zerbrochene Gesellschaft“, sagt der konservative Parteichef David Cameron. Mehr Polizei. Führerschein erst ab 21. Verbot von Gangsta-Rap. Kein Genuss von Alkohol mehr auf der Straße. „Null Toleranz“, fordert der Gemeinderatschef von Liverpool, Warren Bradley, der einen Sondergipfel der großen Kommunen fordert.

Andere machen Eltern verantwortlich, die ihren Kindern keine Grenzen mehr setzten. „Lehrer müssen wieder die Befugnis und die Autorität haben, den Kindern Selbstdisziplin und gutes Benehmen beizubringen“, findet der Pädagoge Professor Alan Smithers in der „Sun“. Doch in Wahrheit sind die Briten ratlos, was sie mit den Teenagern ohne Hoffnung, ohne Rollenvorbilder und ohne Familienleben machen sollen.