Kino : Die Dancing Queen

Meryl Streep hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als in dem Abba-Musical-Film „Mamma Mia“ mitzuspielen.

Eva Kalwa
Mamma mia
Meisterin des Spagats. Oscar-Preisträgerin Meryl Streep in "Mamma Mia". -Foto: ddp

Es ist eine der schönsten Szenen des Films, von einer leisen Magie, gerade kitschig genug, um ins Herz zu treffen: Donna alias Meryl Streep hilft ihrer Tochter Sophie (Amanda Seyfried) beim Frisieren für die Hochzeitszeremonie. Hintereinander stehen die beiden Frauen vor dem Spiegel. Beide sind blond, beide schön, die eine ist blutjung, die andere gereift. Dazu gesellt sich der Zauber einer Musik, der sich seit bald 35 Jahren Millionen Fans, aber auch zynische Kitschverächter kaum entziehen können: Gemeinsam singen Mutter und Tochter „Slipping through my fingers“ von Abba, ein Lied über das Erwachsenwerden und Loslassenkönnen. „Wie jede Mutter kenne ich das zugleich schmerzhafte und wunderbare Gefühl, wie es ist, das kleine Schulmädchen von damals zu einer Frau heranwachsen zu sehen“, sagt Meryl Streep im Gespräch. Die 59-Jährige hat mit dem Bildhauer Don Gummer neben einem Sohn auch drei Töchter im Alter von 17, 22 und 24 Jahren.

Am Donnerstag startet „Mamma Mia“ in den Kinos. Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass der Film an den Bühnenerfolg anknüpfen wird. Er wird vor allem viel gute Laune verbreiten. Nicht bei allen natürlich. Aber dass erste Reaktionen in Feuilletons ein bisschen griesgrämig ausfielen, verstärkt eher den Verdacht: Der Film wird ein Sommerhit.

Vor einigen Jahren besuchte die zweifache Oscar-Gewinnerin Meryl Streep zum zehnten Geburtstag ihrer jüngsten Tochter Louisa am Broadway das Musical „Mamma Mia!“ – und war hingerissen. Voller Begeisterung schrieb sie den Darstellern in einem Brief, wie sehr sie die Show gemocht habe und wie gern sie selbst auf der Bühne gestanden hätte: Nur um zu wissen, wie es sich anfühlt, ein Teil von „Mamma Mia!“ zu sein. Sechs Jahre später, im Sommer letzten Jahres, sollte Streep es erfahren. Gemeinsam mit ihren Schauspielerkollegen Pierce Brosnan, Julie Walters, Christine Baranski, Colin Firth und Stellan Skarsgård stand sie ab Juni 2007 für die Verfilmung des weltweiten Bühnenerfolges vor der Kamera. Entstanden ist ein Musicalfilm, der wie ein griechischer Sommerurlaub leuchtet. Voller Herzensleichtigkeit und mit einigem Augenzwinkern erzählt er die Geschichte der 20-jährigen Sophie, die mit ihrer Mutter Donna auf einer kleinen griechischen Insel lebt und erst knapp vor der Hochzeit von ihren drei potenziellen Vätern erfährt, die sie kurzerhand zur Trauung einlädt. Die mediterrane Lieblichkeit wird dabei einerseits durch die Süße der 17 Abba-Songs reizvoll übersteigert, andererseits durch den Charme des Unperfekten gebrochen. Den meisten Schauspielern hört man deutlich an, dass sie zum ersten Mal in einer Musical-Verfilmung vor der Kamera stehen. „Ich singe zu Hause eigentlich immer – und alles, was man singen kann“, erzählt Streep, die das in ihrer fast dreißigjährigen Karriere allerdings nur ganz selten vor der Kamera getan hat. „Es ist aber etwas ganz anderes, alleine unter der Dusche zu singen oder auf einer griechischen Insel am Strand – gegen den Wind, die Wellen und den starken Atem von Pierce neben mir“, lacht sie und haucht, um zu verdeutlichen, wie schwach ihr in solchen Augenblicken die eigene Stimme vorkam.

Doch was der Stimme der Schauspielerin, die auf Geheiß der Mutter als Jugendliche eher widerwillig Gesangsunterricht nahm, an Professionalität fehlt, macht Streep durch Hingabe und Einfühlung wieder wett. Ähnlich wie 14 Jahre zuvor drei australische Schauspieler in der grell bunten, fantastischen Abba-Hommage „Priscilla – Königin der Wüste“ erweckt sie die Evergreens wieder zum Leben. Nah an der Grenze zur Lächerlichkeit singen und tanzen die drei männlichen Darsteller: der smarte Ex-Bond Brosnan, der Frauenflüsterer Firth („Bridget Jones“) und der schwedische Hühne Skarsgård („Breaking the waves“). Der erzählt freimütig, er habe vor den Dreharbeiten seit 30 Jahren nicht mehr ohne Alkohol im Blut gesungen und getanzt – was so manchen Augenblick im Film erklären mag. Und auch Firth scherzt: „Ich habe mich beim Singen der Abba-Songs so gefühlt, als müsse ich in einem Museum eine kostbare Antiquität halten!“

Gerade dieser Mut zur Unvollkommenheit, der Eindruck, die Schauspieler nähmen sich selbst nicht allzu ernst, geben dem Film das gewisse Etwas, ohne dass er nur ein rührender, aber peinlicher Versuch wäre, mithilfe der populären Schauspieler an den Mythos Abba und den nach neun Jahren Spielzeit noch ungebrochenen weltweiten Erfolg des Musicals anzuknüpfen. Streep erklärt die ausgelassene Stimmung des Films mit der Arbeitsweise der Regisseurin Phyllida Lloyd: „Sie gab uns die Erlaubnis, albern zu sein und Fehler zu machen!“

Der 55-jährige Brosnan, der als jugendlicher Langhaarträger lieber Jefferson Airplane und Pink Floyd hörte, hatte dem Projekt zunächst nur wegen der Aussicht zugestimmt, mit Streep drehen zu können. Dann sah er das Musical in London. „Ich wollte unbedingt mitmachen. Und ich habe nie gefragt, warum sie unbedingt mich für die Rolle wollten“, sagt er im Gespräch. Vielleicht, weil selbst der Tanz in einem glitzernden, lilafarbenen Latexanzug einen schönen Mann nicht komplett entstellen kann? Auch für diesen urkomischen Anblick findet sich in „Slipping through my fingers“ eine passende Stelle, frei übersetzt lautet sie: Manchmal wünsche ich mir, ich könnte dieses Bild für immer festhalten.

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