Welt : "Klassentreffen": DDR-Robinsons

Carl Pietzcker

1973 hatten sie in Merseburg Abitur gemacht und sich 25 Jahre später wieder getroffen. Dazwischen lagen Studium, Familiengründung, Beruf, Wende, oft Arbeitslosigkeit und Neuorientierung: Brüche in der Biographie. Zwei Mitschüler, Wolfgang Gabler und Bernhard Sölzer, hielten die Erinnerungen fest.

Hier sprechen Robin-sons und Robin-daughters. Anders als der gemeinsame Jahrgang, die gemeinsame regionale Herkunft, das gemeinsame gesellschaftspolitische Umfeld und die Zurückstellung der eigenen Interessen zu Gunsten eines großen Ganzen es hätten erwarten lassen: Sie sind ihren je eigenen Lebensweg gegangen. Die Interviews bestätigten: Den Ossi gibt es nicht. Dem Buch kommt zugute, dass zwischen der Wende und seiner Niederschrift nahezu ein Jahrzehnt verstrichen sind. Günstig war sicher auch, dass Interviewer und Interviewte im selben Boot saßen, ähnliche Situationen durchlebt haben.

Da sie sich nicht von Besserwissern befragt sahen, konnten sie sich zu ihrer Vergangenheit bekennen, mussten wenig verstecken. So erinnert sich einer an seinen Armeedienst: "Damals war ich selbstverständlich völlig von der Notwendigkeit dieser Grenze überzeugt. Ich war auch bereit, die DDR zu verteidigen. Im Nachhinein bin ich natürlich sehr froh, nicht in die Verlegenheit gekommen zu sein, auf einen Menschen schießen zu müssen. Doch ich hätte die Anweisungen befolgt. Die Chance, hinterher zu studieren, die Familie nicht zu enttäuschen - das spielte sicher mit eine Rolle". Eine Aufrichtigkeit, die zur Selbsterkenntnis auch westdeutscher Leser mehr beitragen kann als wohlfeile Empörung.

Die Erfahrungen derselben Schule könnten unterschiedlicher kaum sein. Einige hatten damals keinen politischen Druck empfunden, einige sich bewusst für ihren Staat entschieden, Mitglieder der Jungen Gemeinde bekamen Schwierigkeiten, suchten Kompromisse, andere verweigerten sich. Nach der Wende machten alle ihre Westerfahrung. Hoch ambivalent berichten sie vom demütigenden, oftmals jedoch ersehnten Begrüßungsgeld, vom Konsumschock in den Kaufhäusern und immer wieder von Obdachlosen und Drogenabhängigen in westdeutschen Städten, ein Reflex zur Sicherung moralischer Identität und ein Nachklang damaliger Propaganda.

Im Lob westdeutscher Sauberkeit und Tüchtigkeit dagegen zeigt sich deutsch-deutsche Nähe. Immer wieder vergleichen sie DDR und BRD damals, DDR damals und BRD heute auf vielen Gebieten. Ihre Berufserfahrung erlaubt ihnen jenen Erkenntnis fördernden doppelten Blick, der den Westdeutschen, die in einem sich wenig verändernden System lebten, versagt blieb. Für alle, die in der DDR geblieben waren, bedeutete die Wende einen scharfen Einschnitt in ihre Lebensplanung.

Die Maueröffnung hatte niemand erwartet, selbst die nicht, die an den Montagsdemonstrationen teilnahmen. Kündigung. Arbeitslosigkeit, Umschulung, Stellensuche in West- und Ostdeutschland; viele fanden Arbeit im Westen, einige kehrten zurück. Nahezu alle konnten die Krise nutzen, stellten sich um, lernten, wurden initiativ, gingen Umwege, gewannen Selbstsicherheit und können nun ohne Wehleidigkeit und differenzierend sprechen. Nahezu alle betonen ihre Zugehörigkeit zum Osten: "Ich gehöre in den Osten, dort verstehe ich die Menschen aus ihrer Geschichte, aus ihrer Geografie heraus", eine Verherrlichung ist das nicht.

Allermeist sind sie gestärkt aus der Krise hervorgegangen; sie hatten allerdings auch bessere Ausgangsbedingungen als viele ihrer Landsleute: Sie waren gut ausgebildet, hatten schon Berufserfahrung, waren noch keine 40 Jahre alt, also anders als die über 50jährigen jung genug, noch einmal zu beginnen.

An ihnen zeigt sich, zeitgleich auf das Jahrzehnt seit 1989 zusammengezogen, durch die Plötzlichkeit des Umbruchs ins Bewusstsein gehoben und durch dessen Gültigkeit für eine ganze Gesellschaft, grell beleuchtet, was sich in der alten Bundesrepublik über 50 Jahre hin vollzogen hatte, in wechselnden Schichten, in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und oft nur zwischen den Generationen: der Untergang ganzer gesellschaftlicher Formationen und ihrer Ideologien, etwa des alten Mittelstands, alter Industrien, etwa der Stahlindustrie, der Verlust ihrer Sicherheiten und damit auch der Identität der Einzelnen, der Arbeit an einer neuen Identität. Diesen Zwang und die Antworten auf ihn können Westdeutsche hier wie unter einem Vergrößerungsglas studieren. Sie blicken in einen Spiegel. Vor allem aber studieren sie ein Dokument der Erfahrungen, der Befindlichkeit und der Selbstreflexion einer Generation, die Kraft und Kritikfähigkeit genug hat, diese Gesellschaft mit zu gestalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar