Klassik : Der Konzert-Verführer

Justus Frantz hat die klassische Musik in Deutschland populär gemacht. Heute wird er 70 Jahre alt.

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Mozart, Beethoven und Co. unters Volk bringen: Das ist seit Jahrzehnten die große Leidenschaft von Justus Frantz.
Mozart, Beethoven und Co. unters Volk bringen: Das ist seit Jahrzehnten die große Leidenschaft von Justus Frantz.Foto: picture-alliance/ dpa

Mai 1991, eine ehemalige SED-Parteischule vor den Toren Potsdams. Der Flügel im Saal ist alles andere als perfekt, der Klavierhocker wackelig, die Akustik mies. Doch Justus Frantz macht das nichts: Er absolviert froh gelaunt sein Mammutprogramm, volle drei Stunden lang, mutet sich als Solist Beethovens Klavierkonzerte Nummer 1,2 und 5 zu, plaudert zwischendurch angeregt Richtung Publikum, erzählt Anekdotisches über die Werke, streut Klangbeispiele ein – und wirkt am Ende des Abends überhaupt nicht erschöpft.

Klassik unters Volk zu bringen, das ist seit Jahrzehnten die große Leidenschaft von Justus Frantz. Die Meisterwerke der Vergangenheit will er aus den Musentempeln der Metropolen auch dorthin tragen, wo sie selten zu hören sind. Es war seine Idee, berühmte Solisten und traditionsreiche Orchester aufs platte Land zu schicken, in die Kuhställe und Scheunen zwischen Nord- und Ostsee. Das 1986 von Frantz gegründete Schleswig-Holstein-Musikfestival wurde zur Initialzündung für den Festivalboom in Deutschland. Dass die Sommerpause im Kulturbetrieb heute abgeschafft ist, dass es während der warmen Jahreszeit kaum noch ein unbeschalltes Fleckchen in der Bundesrepublik gibt, hat die Kulturnation letztlich dem Mann mit der roten Brille zu verdanken.

Dabei sah zunächst alles so aus, als würde der 1944 in Hohensalza geborene und in Hamburg aufgewachsene Pianist eine ganz traditionelle Klassikkarriere absolvieren. Nach dem Studium gewinnt er ein paar Preise, spielt erfolgreich im Duo mit seinem Kommilitonen Christoph Eschenbach, erarbeitet sich ein Renommee auch als Solist, darf 1970 bei den Berliner Philharmonikern debütieren und 1975 dann in New York.

Ein erster aufsehenerregender PR-Coup gelingt Justus Frantz, als Bundeskanzler Helmut Schmidt sein Kammermusikpartner wird. Gemeinsam mit Eschenbach bringen sie Mozarts Konzert für drei Klaviere auf Schallplatte heraus, bis heute eine Kult-Aufnahme. Drei Jahre später findet der Pianist dann im CDU-Politiker Uwe Barschel seinen Seelenverwandten: Die beiden fast Gleichaltrigen sind radikal zielstrebig, immer ein wenig zu laut im Auftritt, aber von ansteckender Begeisterungsfähigkeit. Gemeinsam erklären sie Schleswig-Holstein zum Klassik-Entwicklungsland – und weil Frantz tatsächlich seinen Mentor Lennie Bernstein dazu bringen kann, im ersten Festivaljahr gleich mehrere Konzerte zu dirigieren, wollen plötzlich alle weltbekannten Maestri dabei sein.

Das Festival wächst rasant und sein Erfinder mutiert vom Tastenkünstler zum Kulturmanager, flitzt wie berauscht von Termin zu Termin, wird Honorarprofessor an der Hamburger Kunsthochschule, bekommt mit „Achtung, Klassik!“ eine eigene Fernsehsendung, fühlt sich als Kulturkönig von Deutschland – bis er jäh von Peer Steinbrück ausgebremst wird. 1994 beschließt der damalige schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister, nun habe der hohe Norden genug vom System Justus Frantz.

Der Sonnyboy ist seinen Intendantenposten los. Wegen seiner intensiven Managertätigkeit hat er als Pianist mittlerweile den Anschluss an die Weltspitze verloren, also sattelt er auf Dirigent um und schafft sich sein Privatorchester, die Philharmonie der Nationen, allein durch Spenden- und Sponsorengelder getragen. Mit der bunt zusammengewürfelten Musikertruppe tingelt er seitdem durch die Welt, als selbst ernannter Friedensbotschafter. Ein wirklich begnadeter Orchesterleiter ist er allerdings nicht. Auf dem Podium wirkt Justus Frantz weniger als der Koordinierende und der Vorausschauende. Er ist der Begeisterte in der Mitte, der das Stück vortanzt, mit beiden Armen gleichzeitig in der Luft.

Die Fachleute wundern sich, aber das Publikum strömt – und auch die Politik liebt das Völkerverständigungsensemble. Bei den Vereinten Nationen in New York war die Philharmonie der Nationen ebenso zu Gast wie bei Papst Johannes Paul II.

200 bis 300 Konzerte absolviert Justus Frantz nach eigenen Angaben pro Jahr, überblickt er sein gesamtes bisheriges Künstlerleben, kommt Frantz auf die unglaubliche Summe von 13 500 Auftritten. In den Feuilletons taucht sein Name allerdings nur sporadisch auf. Dafür interessiert sich die Klatschpresse umso intensiver für das Privatleben des schillernden Klassikmissionars, für Frantz’ zweite Ehefrau Ksenia, die fünf Jahre jünger ist als sein ältester Sohn, für die immer mal wieder aufflammenden Gerüchte, er oder sein Orchester seien hoch verschuldet, für die prominenten Besucher auf seiner Gran-Canaria-Finca, die er sich 1971 vom ersten großen Geld gekauft hat.

Justus Frantz aber genießt seinen Promistatus offenbar. Vor seinem heutigen 70. Geburtstag hatte er stets beteuert, er fühle sich wie 35 – und er sei darum auch überhaupt nicht scharf auf die Feiern, die nun in Israel, China, Spanien und Deutschland anstünden.

Den Berliner Jubeltermin am 20. Mai allerdings lässt er sich dann doch von seinem Orchester ausrichten, im prachtvollen Konzerthaus am Gendarmenmarkt natürlich. Otto Schily, der ehemalige Innenminister und Vorsitzende im Kuratorium der Philharmonie der Nationen, darf dann zum Taktstock greifen, um den Jubilar in Mozarts A-Dur-Klavierkonzert zu begleiten. Die Laudatio hält der aktuelle Hauptsponsor des Orchesters, der Unternehmer Reinhold Würth, und Politikerlegende Norbert Blüm wird eine neue Textfassung von Camille Saint-Saens’ „Karneval der Tiere“ vortragen, die er eigens für den Anlass verfasst hat. Populärer kann Klassik nicht werden.

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