Welt : Klassik: Die Macht des Stimmstrahls

Frederik Hanssen

Der Tenor fürs Verdi-Jahr? Der blinde Tenorino, dessen Plattenfirma sich über die Mitleidsmasche Marktanteile erschleichen will, scheidet aus, ebenso die drei von der Tantiementankstelle. Und auch die allzu massiv gehypten Schönlinge Cura und Alagna reißen uns nicht mehr vom Hocker. Nein, Fabio Armiliato ist die Entdeckung dieses Belcanto-Jubeljahres 2001. Noch ist er nur bei einer Minifirma unter Vertrag, und sein Foto auf dem Cover wirkt auch nicht gerade vorteilhaft, doch die Stimme des schlanken Genuesers garantiert pures Verdi-Vergnügen: Als hätte jemand eine Direktschaltung ins Venedig des Jahres 1844 zustande gebracht, so authentisch, so mitreißend klingt es, wenn Armiliato zu Ernanis Auftrittsarie ansetzt. Das hat Saft, das hat Kraft, da singt einer, der sich mit kindlich-naiver Freude in die Heldenpose wirft, als sei es das Natürlichste der Welt, mit Schwertern herumzufuchteln und Frauen aus den Fängen lüsterner Greise zu befreien.

Wenn Fabio Armiliato schmeichelt und lockt, knistert es erotisch, wenn er mit Schmackes die Spitzentöne serviert, spürt man keine Sekunde Anstrengung oder Versagensangst. Diese Stimme klingt absolut gesund, die Technik ist tadellos, die Phrasierung effektsicher. Fast möchte man das alte Vorurteil aufwärmen, dass eben nur die Italiener ihren Verdi so prall und lustvoll über die Rampe bringen. Denn Armiliato hat in Marcello Panni und dem Opernorchester von Nizza (bis 1871 italienisches Territorium!) hochmotivierte Mitstreiter. Hier ist Verdi noch der Volksheld, hier sprühen die Funken, hier lässt man es ordentlich krachen. Das beginnt bei der "Inno delle Nazioni", jenem lärmigen Auftragswerk der Londoner Weltausstellung 1862 für Chor und Tenor, das den "Aida"-Triumphmarsch vorweg nimmt, und endet nach einem Potpourri der Tenor-Hits bei einem wunderbar doppelgesichtig gestalteten Otello. Der Busen bebt, Verdi lebt!

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