Welt : Klaus Doldinger: Ich bin mehrere

Christian Broecking

Jurek Becker lebte noch, als Klaus Doldinger ihn vor einigen Jahren aus einem Berliner Radio-Studio aus grüßte. Der Saxofonist spielte eine eigene Komposition für den befreundeten Schriftsteller und Drehbuchautor, den Titelsong der Serie "Liebling Kreuzberg", die Jurek Becker erfunden hatte. Doldinger ist neben seiner Tätigkeit als Komponist für Film und Fernsehserien einer der erfolgreichsten deutschen Jazzmusiker. Kaum jemand weiß das heute noch. Missverstanden fühlt er sich trotzdem nicht. Er ist stolz darauf, zu den wenigen zu gehören, die auch international bekannt sind.

Doch lupenreine Jazzplatten wie "Blind Date in New York", die er vor einigen Jahren in der Jazzmetropole aufnahm, zählen auch bei Doldinger zu den Ausnahmen. Nein, er bereue nichts, sagt er nach dem Anhören seiner 4-CD-Werkschau "Works & Passion". Nicht den Dixieland der Feetwarmers, und den Trash eines Paul Nero erst recht nicht. Das hat Spaß gemacht, war immer wieder eine neue Erfahrung.

In den sechziger Jahren war Doldinger "Jazz - Made in Germany", in den Siebzigern Passport. Noch heute großes Staunen darüber, wie er es schaffte, in die Nicht-Amerikanern sonst unzugänglichen Billboard-Charts zu gelangen. Er sei zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen, sagt er: "Jazz - Made in Germany" wurde 1963 in zwanzig Ländern veröffentlicht. Ob es im Jazz einen deutschen Sonderweg gibt? Doldinger hebt die Schultern, aber dann nennt er den Namen des Posaunisten Albert Mangelsdorff. Doldinger konnte sich nie von den prägenden Einflüssen seiner amerikanischen Vorbilder abnabeln. Und er schreckte nicht vor schwarzen Sounds zurück. Selbst als sich in Europa coole, weiße Klänge durchsetzten, stimmte er immer mal wieder einen langsamen Blues an. Für Doldingers Mischung aus Hammond-Soul, Brit-R & B, Fusion und Pre-Easy Listening kam das Image eines ernsthaften Solisten gelegen, der den Kommerz nie gescheut hat.

Die Erkennungsmelodie für den "Tatort" komponierte er 1970, sie gibt es in der Jubiläums-Box gleich in zwei Fassungen - einer improvisationsfreudigen Passport-Version und der auf den Kern reduzierten TV-Version. Ursprünglich war die mit Udo Lindenberg noch dabei. "Ich suchte damals einen neuen Schlagzeuger, der Jazz, R & B und Blues spielen konnte. Und da kam Udo an, lange Haare, im Hippie-Look mit einem R4, und ich war total begeistert. Wir spielten dann bei einem großen Gartenfest des Droste-Verlegers. Es war eine ziemlich wilde Band. Die Polizei kam im Viertelstundenabstand, um uns zu unterbrechen."

Mit Lindenberg sei damals ein Hauch von 68 in seine Band geweht, erinnert sich Doldinger. An ihm selbst seien jene wilden Jahre eher schnell vorbeigezogen. "Wir haben in den fünfziger Jahren schon viele Kämpfe ausgetragen, um unsere Musik überhaupt machen zu können. Ab Mitte der Sechziger war ich ständig auf Tour, und auch dadurch, dass wir in vielen verschiedenen Ländern spielten, empfanden wir ein kosmopolitisches Grundgefühl." Mit der Gründung von Passport 1971 schaffte Doldinger seinen Durchbruch als Bandleader, obwohl seine erste Passport-Besetzung noch nicht einmal die Plattenaufnahmen überdauerte: Verkracht rannte die Band auseinander, "weil jeder etwas anderes wollte."

Die CD-Sammlung "Works & Passion" ist ein zu gleichen Teilen biederer, witziger und origineller Beitrag zur Jazz-Geschichte der Unterhaltungsmusik im Nachkriegsdeutschland geworden. Zu den eher spaßigen Seiten von Doldingers Karriere gehören die elf Langspielpatten, die er in den späten Sechzigern unter dem Pseudonym Paul Nero aufnahm. Und Doldinger findet es auch völlig okay, wenn DJs diese musikalischen Leichtgewichte heute als soulige Lachnummern recyceln. Auch dass er im Hamburger Star-Club mal mit einer Langhaarperücke seiner Frau verkleidet, die Schlagersängerin Millie begleitete, gehört zu den Skurrilitäten dieser Jazzkarriere. Peinlich ist ihm das nicht. Vielleicht hätte er damals auf seinen Freund Wolfgang Petersen hören sollen, als es mit dem "Boot" so richtig los ging. Doch als Filmkomponist in Hollywood konnte er sich dann doch nicht sehen.

Ganz am Anfang, 1960, während seiner ersten USA-Tournee, war er auch in New Orleans, der Geburtsstadt des Jazz. "Ich habe mich damals in das Buch der Stadt eingetragen, und es gab eine Ehrenurkunde. Aber ich fand das nie so wichtig: Ob man gut spielt, das ist das Entscheidende."

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