Welt : Kleben und kleben lassen

Philipp Wittrock

Die Berliner nannten ihn „Reklamekönig“ oder den „Säulenheiligen“, das war Mitte des 19. Jahrhunderts. Heute sind ihm in ganz Deutschland 75000 Denkmäler gewidmet: Ernst Theodor Amandus Litfaß ist der Vater der Litfaßsäule. Vor 150 Jahren stellte er in Berlin die erste „Annonciersäulen“ auf, die der Volksmund schon bald nach ihrem Erfinder benannte – und die sich deshalb auch nach der Rechtschreibreform nicht mit drei „s“ schreibt. Zum Geburtstag wird der Info-Zylinder nicht nur weiter fleißig beklebt, sondern wird selbst zum Aufkleber: Das Bundesfinanzministerium ehrt die Litfaßsäule mit einer neuen Sonderbriefmarke.

Ein Klassiker der Werbung: Ob als so genannte Allgemeinsäule mit verschiedenen Anschlägen oder als Ganzsäule, bei der ein Werbekunde die Fläche exklusiv nutzt, ob mit moderner Beleuchtungstechnik oder historischer Kuppel – die Litfaßsäule ist aus Städten und Dörfern nicht wegzudenken. Obwohl sie irgendwie unscheinbar, unauffällig ist: Sie sei eben „stadtbildverträglicher“ als riesige Plakatwände, sagt Andreas Orth, Geschäftsführer der VVR Berek. Das Unternehmen verwaltet Ernst Litfaß’ Berliner Erbe und ging aus der 1921 gegründeten Berliner Anschlag- und Reklamewesen GmbH (Berek) mit der Vereinigten Verkehrs-Reklame (VVR) hervor, die sich 1970 unter dem Dach der Berliner Verkehrsbetriebe zusammenschlossen. Orth vermietet 3600 der 4000 Litfaßsäulen in der Hauptstadt, für 20 Euro am Tag.

Besonders beliebt sind Litfaßsäulen seit jeher bei Kulturveranstaltern. Ernst Litfaß, Druckereibesitzer und Verleger, ärgerte sich damals immer wieder über wilde Plakatierungen an Häuserwänden und Zäunen. Inspiriert von Plakatsäulen in Paris und London, wollte er Ähnliches in seiner Heimat einführen. Am

5. Dezember 1854 erteilte der Berliner Polizeipräsident ihm das Monopol für die Plakatierung in Berlin. Hier stehen heute noch zwölf denkmalgeschützte Säulen aus der Kaiserzeit.

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