Welt : Kleider machen Kirche

Wie es kommt, dass Anglikaner lieber in Jeans predigen wollen

Stephanie Nannen

Es wird Zeit, mit der Kirche aufzuräumen, mit der anglikanischen in diesem Fall. Oder besser: mit den Missverständnissen, die sie umgeben. Und das aus Anlass einer Umfrage. Die ist ganz aktuell und besagt, dass die Männer in Talar nur noch von wenigen richtig erkannt werden.

Dass die Anglikaner nicht verstanden wurden, war schon bei König Heinrich VIII. so, der seinen Frauen angeblich frühzeitig den Garaus machte. Also, dieser Heinrich soll die anglikanische Kirche begründet haben, weil er sich in einer seiner Frauen geirrt hatte und diese Ehe annullieren lassen wollte. Weil ihm der Papst in Rom das nicht erlaubte, habe Heinrich die Kirche kurzerhand liberalisiert, sie „protestantischer“ gemacht. Schon gab es die neue anglikanische Kirche.

Irrtum! Heinrich war ein Schwerenöter, und seine Frauen waren nicht mit allzu hoher Lebenserwartung gesegnet. Umgebracht hat er sie nicht. Vor allem aber war er ein vehementer, eloquenter Gegner der Reformation und damit Luthers. Nur mochte er halt nicht, wenn etwas nicht nach seinem Willen lief. Die anglikanische Kirche aber blieb der katholischen Lehre treu, bis heute, trotz gemäßigter Reformen. Die Ämter der katholischen Tradition, auch ihre Inhaber – Diakone, Priester und Bischöfe – gibt es noch heute.

Und eben die haben jetzt ein Riesenproblem. Wieder so ein Missverständnis: Es erkennt sie keiner mehr. Ein harter Schlag. Nicht nur, dass in England die Begeisterung für den sonntäglichen Gottesdienst nachlässt und die Kirche um jedes Schäflein bangen muss, nein, sie wird wohl auch noch als Tollhaus angesehen. Als ein Haus, in dem verwirrte, orientierungslose Männer in Frauenkleidern ein- und ausgehen. In den Augen der Engländer passt das allerdings zu der „altmodischen Institution mit seltsamen Ritualen“ – besagt eine Umfrage. Und auch, dass die Mehrheit der Engländer den Talar für ein – schlecht geschnittenes – Kleid hält.

Das kann der Bischof von Maidstone nicht auf sich sitzen lassen. Und legt sich mit anderen Geistlichen ins Zeug, dass der Dress-Code, die Kleiderordnung, auch bei Gottesdiensten gelockert wird. Jeans und T-Shirt – das sei lebensnah und verjünge das Image, meinen sie. Andere geben zu bedenken, sie wollten den Blick der Menschen nicht auf sich, sondern lieber auf Gott richten. Nur was, wenn auch der Vater im Himmel in Jeans seinen Sonntag verbringt? Dann ist die Kleiderordnung an sich: ein großes Missverständnis.

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