Kleine Häuser ganz groß : Weniger ist mehr

Preiswert, ökologisch, pflegeleicht: Sind Mikrohäuser die Zukunft des Wohnens? Erstaunlich, was alles auf ein paar Quadratmeter passt.

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Wie geschrumpft wirkt das Tiny House von Jay Shafer.
Wie geschrumpft wirkt das Tiny House von Jay Shafer.Foto: Tumbleweed Tiny Houses

Auf den ersten Blick wirkt Jay Shafers Heim wie ein typisch amerikanisches Holzhaus, zweistöckig und mit traulich gedrechselter Veranda. Die Illusion bricht, als Shafer selbst im Bild seines Werbefilmes auf Youtube erscheint. Das Haus, zeigt sich, ist mit 2,40 Meter kaum breiter als die Spannweite seiner Arme, auf zwei Etagen birgt es rund elf Quadratmeter Wohnfläche. Gäbe es eine Regenrinne, der 48-Jährige könnte sie bequem ohne Leiter reinigen.

Das ist Jay Shafers Geschäftsidee, ein Tiny House, auf Deutsch: klitzekleines Haus. Zehn Jahre lang hat Shafer in solchen Häuschen gelebt, bis er für seine Frau und die zwei Kinder doch mehr Platz benötigte. „Ich hasse Putzen“, sagt er lächelnd in die Kamera. „Warum sollte ich Lebenszeit darauf verschwenden, mich um mehr Raum zu kümmern, als ich brauche?“ In den USA gilt er deshalb als Guru der Small-House-Bewegung. Er war in der Talkshow von Oprah Winfrey zu Gast, tourt mit Bauworkshops für seine Winzheime durch die Staaten und vermarktet sie über seine Firma. Weil Shafers Häuser in der Regel zu klein sind, um ein festes Fundament haben zu dürfen, stehen sie auf Rädern. Houses to go, hat er sie werbewirksam getauft.

Wie der coffee to go schwappt auch der Trend zum Zuhäusle nach Europa, wenngleich nicht so massentauglich. Menschen, die derart kleine Häuser bewohnen oder entwerfen, nennen hier wie drüben meist die gleichen Motive dafür: Diese seien, absolut gesehen, günstiger, ökologischer und pflegeleichter. Letzteres Argument beruht auf einer simplen Feststellung: Platz, den man nicht hat, kann man nicht zumüllen.

Der Wunsch nach überschaubarem Wohnraum steht in der Tradition jener Miniaturisierung, die der Menschheit allerlei handflächenkleine Kommunikationsgeräte bescherte. Die Mikrotechnik machte die Idee vom Häuschen erst umsetzbar, weil sich ein Großteil unserer Habe – Bibliothek, Stereoanlage, Plattensammlung, Fotoalben, Akten und sogar Freunde – platzsparend im Laptop bündeln lässt. Wie wir wohnen, spiegelt immer wider, wer wir sind und in welchen Zeiten wir leben. Eine Erkenntnis, die Architekten zu einer neuen Gestaltungsrichtung inspirierte: der Mikroarchitektur.

Richard Horden aus London ist einer ihrer Vorreiter. Als Architekt, sagt er, fasziniere ihn die Herausforderung, mit wenig Material auf wenig Fläche präzise arbeiten zu müssen. „Überbevölkerung und Umweltverschmutzung lassen es nicht mehr zu, sorglos mit Rohstoffen und Raum umzugehen.“ Außerdem gefalle ihm der Gedanke, „mit geringen Mitteln mehr Lebensqualität zu gestalten“. So entstand 2005 sein Micro Compact Home – ein puristischer Wohnwürfel aus Aluminium und Polyurethan auf nur sieben Quadratmetern. Trotzdem verfügt das Minihaus mithilfe von Klappmechanismen über alles, was man braucht – und so stellte man sieben der Würfel als Studentendorf in München auf.

Horden zog gleich mit ein, für sechs Jahre. Er spricht aus Erfahrung, wenn er sagt: „Wenn man das Micro Home das erste Mal betritt, ist es schockierend klein.“ Mit der Zeit gewöhne man sich an den begrenzten Raum, lerne, ihn zu nutzen. Auch Gäste habe er gehabt, maximal vier zugleich. „Die Studenten“, erzählt Horden, „haben es sogar geschafft, 26 Leute hineinzuquetschen, als sie einmal ziemlich angetütert waren.“

Es ist alles eine Frage der Anpassung. Wie bei Jay Shafer, der sein Wohnzimmer mit Einbauschränken und Minikamin vornehm „the great room“ nennt. Es misst 3,6 Quadratmeter. Die Küche besteht aus Spüle, Kochplatten, kleinem Kühlschrank und einem Riesentoaster. Das Bad ist Kompost-WC und Dusche in einem, was unhygienischer klingt, als es zu sein scheint. Beeindruckend ist die Beharrlichkeit, die es dafür braucht, täglich über dem Klo zu duschen, nachdem man das Wasser dafür auf dem Herd erwärmt, die Leiter erklettert und das warme Wasser in ein Fass gegossen hat, aus dem es hinabregnet. Shafer: „Das ist mein Fitnesstraining!“

Während Shafers Häusern der rustikale Charme des Selbstgezimmerten anhaftet, ähneln Small Houses von Architekten eher Kunstobjekten als Wohnstätten. Das macht sich auch im Preis bemerkbar. Kleine Häuser sind, relativ gesehen, teurer als große, da beim Bauen entstehende Grundkosten auf eine kleinere Fläche umgelegt werden. Bezogen auf den Quadratmeterpreis sind reguläre Fertighäuser billiger. In absoluten Zahlen gerechnet sind die Minihäuser jedoch erschwinglicher.

Zum Beispiel das XS House, Shafers günstigstes Angebot. Die sechs Quadratmeter kosten selbst aufgebaut 12 700, als Fertigversion 31 000 Euro. Hordens Würfel liegt bei 40 000 Euro, zuzüglich Fundament, Anschlüssen, Lieferung per Helikopter und Installation summiert sich das zu einem Endpreis von 90 000 Euro.

Im Vergleich dazu hat Sascha Akkermann in Oldenburg günstig gebaut. Der Produktdesigner träumte von einem eigenen kleinen Haus auf dem Wasser und machte mit Kollegin Flo Florian kurzerhand ein Projekt daraus. Unter ihrem Label Confused Direction entwarfen sie für etwa 80 000 Euro ein Hausboot, das nur noch rudimentär mit den Kähnen zu tun hat, die man sich darunter vorstellen würde. 65 Quadratmeter lichter, moderner Wohnraum sind entstanden, verteilt über drei Ebenen. Sorgfältige Dämmung spart Energie. „Meine Freundin und ich wohnen hier schon über zwei Jahre“, sagt Akkermann. „Die Natur, das Wasser und die Weite um uns herum bieten optisch so viel Platz, dass die geringe Wohnfläche uns nicht einengt.“

Das Wohnen auf dem Wasser wäre Architekt Matthias Michel, Ingenieur Camille Hoffmann und ihren Studenten von der Universität Karlsruhe vermutlich noch nicht rebellisch genug gewesen. Sie schufen das Roll-it – eine 27 Quadratmeter fassende, mobile Wohntonne. „Es ist für die spontane Besiedelung gedacht“, erklärt Michel. „Der Begriff ,Guerilla Housing’ trifft das am besten: Man lehnt die Tonne irgendwo gegen den Bürgersteig, wohnt eine oder zwei Nächte darin und zieht weiter, sobald man Ärger mit den Behörden bekommt.“

Das Roll-it ist eines der verspieltesten kleinen Häuser geworden. Es besteht aus drei ringförmigen Modulen: einer Schlaf- und Arbeitseinheit, einer Fitness- und einer Küche-Bad-Einheit. Bisher existiert die Tonne nur als Prototyp. „Studenten haben mal zwei Tage am Stück darin gewohnt.“ Wenn man das überstehe, glaubt Michel, halte man es bestimmt auch einen Sommer darin aus. „Solange man keinen Tonnenkoller kriegt!“

Jay Shafers Häuser sind zu bestellen unter www.tumbleweedhouses.com, Hordens unter www.microcompacthome.com

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