Klimawandel : Kein Eis währt ewig

Die Eisdecke am Nordpol ist in diesem Sommer so stark geschrumpft wie noch nie zuvor. Klimaexperten fürchten die Unumkehrbarkeit der Entwicklung in der Arktis.

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Brüchiges Eis in der Baffin Bay. Der kanadische Eisbrecher Louis S. St. Laurent gleitet schon im Juli 2008 praktisch ungehindert durch die See. Foto: Gerd Braune
Brüchiges Eis in der Baffin Bay. Der kanadische Eisbrecher Louis S. St. Laurent gleitet schon im Juli 2008 praktisch ungehindert...

Die Arktis erlebt in diesem Sommer einen dramatischen Eisverlust, der einen neuen Negativrekord bedeutet und die Befürchtungen der Wissenschaftler noch übertreffen dürfte. Nach neuesten Satellitenaufnahmen waren am Sonntag nur noch 4,1 Millionen Quadratkilometer des Arktischen Ozeans eisbedeckt. Dies ist die geringste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen vor mehr als drei Jahrzehnten und 70 000 Quadratkilometer weniger als der bisherige Minusrekord aus dem Jahr 2007.

Der Rückgang der Meereisfläche im Sommer wird als starkes Indiz einer langfristigen Klimaerwärmung gesehen. Der drastische Einbruch in diesem Jahr hat offenbar zwei Gründe: Arktiseis wird immer dünner, hinzu kam ein schwerer Sturm Anfang August. Und es kann noch schlimmer kommen: Wurde 2007 der Negativrekord von 4,17 Millionen Quadratkilometern am 18. September gemessen, wurde diese Marke nun deutlich früher unterboten. „Die Schmelzsaison 2012 könnte noch mehrere Wochen andauern“, teilten die Wissenschaftler vom National Snow and Ice Data Center (NSIDC) der Universität Colorado in Boulder und des Nasa Goddard Space Flight Center mit. Walt Meier vom NSIDC, sagte, da noch mit rund zwei weiteren Wochen Eisverlust zu rechnen sei, würde er darauf wetten, dass die Eisfläche unter vier Millionen Quadratkilometer und im Worst-case-Szenario auf 3,5 Millionen Quadratkilometer sinken könnte.

Arktisches Meereis friert und schmilzt im Jahreszyklus. Im Winter liegt die Eisfläche bei 14 Millionen Quadratkilometern. Die niedrigste Ausdehnung wird Ende des Sommers im September erreicht. Allerdings waren von 1979 bis 2000 im Durchschnitt immer noch 6,71 Millionen Quadratkilometer des Ozeans eisbedeckt, nicht vier Millionen wie jetzt. Meist bildet sich in der zweiten Septemberhälfte neues Eis. Sollte dies aber erst Ende September geschehen, schließen die Experten selbst weniger als drei Millionen Quadratkilometer nicht völlig aus. In den nächsten Wochen dürfte sich der Eisverlust laut NSIDC verlangsamen. Derzeit liegt er immer noch deutlich über der sonst normalen Rate von täglich 40 000 Quadratkilometern.

Meier sprach von einem „ständigen Abwärtstrend“ bei der Sommereisfläche über 30 bis 40 Jahre. War der Arktische Ozean früher von mehrjährigem drei bis vier Meter dickem Eis bedeckt, dominiere jetzt „dünnes, einjähriges Eis, das nur ein bis zwei Meter dick ist oder weniger“, erläuterte Meier. „Der Arktische Ozean ist ein anderer Ort, als er früher einmal war.“ Dickes Eis, das die Sommerschmelze übersteht, verschwinde, dünnes, meist einjähriges Eis präge den Ozean. „Wir verlieren den dicken Teil der Eisdecke. Wenn wir diese dickere Komponente verlieren, wird das Eis im Sommer verwundbarer“, ergänzte Nasa-Forscher Joey Comiso. Anfang August brach dann ein heftiger Sturm diese Eisfläche auf. „Der gleiche Sturm hätte vor einigen Jahrzehnten wegen der Eisdicke keine weitreichenden Folgen gehabt“, sagte Nasa-Wissenschaftlerin Claire Parkinson. Zurück blieb zerbrochenes Eis, das leichter schmolz oder nach Süden getrieben wurde.

Schon seit Wochen hatten die Daten darauf hingedeutet, dass der Arktische Ozean den größten Schwund der Meereisfläche seit Beginn der Messungen in den 70er Jahren erleben könnte. Wegen unterschiedlicher Messmethoden und Definitionen von Eisfläche und -ausdehnung variieren die Zahlen über die Eisfläche.

Forscher vom KlimaCampus der Universität Hamburg um Lars Kaleschke geben abweichend von NSIDC das Rekordminus von 2007 mit 4,3 Millionen Quadratkilometern an, wovon auch das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven ausgeht. Obwohl in den Jahren nach 2007 die Eisfläche wieder geringfügig größer war, wurden nach Angaben der Forscher in Boulder die sechs geringsten Eisflächen seit Beginn der Satellitenmessungen in den vergangenen sechs Jahren registriert.

Das schmelzende Meereis sei „eine der sichtbarsten frühen Auswirkungen von Klimawandel“, sagte Clive Tesar von der Umweltschutzorganisation WWF. „Der Eisverlust beeinflusst das arktische Leben und das Leben der Menschen überall in der Welt.“ Der Greenpeace-Exekutivdirektor Kumi Naidoo erklärte: „Unser Planet erwärmt sich in einer Rate, die die Zukunft von Milliarden von Menschen gefährdet.“ Die neuen Daten kämen nicht unerwartet. „Regierungen und Entscheidungsträger wissen seit Jahren um die Folgen von globaler Erwärmung.“ Die Politiker müssten aufhören, nach der Pfeife von Ölgiganten wie Shell und Gazprom zu tanzen, sagte Naidoo unter Anspielung auf Ölbohrungen der Unternehmen im Eismeer.

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