Klimawandel : Wettermacher Nordpol

Das schmelzende Eis in der Arktis spielt eine Schlüsselrolle für die Luftdruckverhältnisse in Europa, Asien und Nordamerika. Nur wie genau diese Prozesse ablaufen, wird von verschiedenen Forschern auch verschieden beantwortet.

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Bizarre Formation. Schmelzender Eisberg vor der Küste Grönlands.
Bizarre Formation. Schmelzender Eisberg vor der Küste Grönlands.Foto: picture-alliance/ dpa

Das arktische Meereis sei ein „Frühwarnsystem“, hat Peter Lemke vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) vor einem guten Jahr gesagt. Damals berichteten mehrere deutsche Forschungsinstitute über den Rekordrückgang des arktischen Meereises im September 2012. Für den Winter, darüber sind sich Klimaforscher inzwischen relativ einig, gilt die Diagnose „Frühwarnsystem“ auf jeden Fall. Doch in diesem Jahr sind mehrere Studien erschienen, die auch einen Einfluss der Meereisbedeckung rund um den Nordpol auf das Sommerwetter in Europa, Asien und Nordamerika vermuten. Die jüngste erschien am Sonntag in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“. Darin berichten amerikanische und chinesische Forscher, dass die geringere Meereisbedeckung im hohen Norden im Sommer dazu führen könne, dass extreme Wetterlagen länger andauern.

Als Wladimir Petoukhov vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) 2010 seine Forschungergebnisse zum Einfluss der arktischen Meereisbedeckung auf die Winter in Nordeuropa veröffentlicht hat, haben viele noch mit dem Kopf geschüttelt. Petoukhov argumentierte damals, dass die Winter in Nord- und Mitteleuropa umso kälter ausfallen, je geringer die Meereisbedeckung des Arktischen Ozeans im Sommer ist. Wenig später zogen allerdings weitere Forscher nach. Unter ihnen auch Lars Kaleschke, Leiter der Arbeitsgruppe Meereis-Fernerkundung von der Universität Hamburg. Kaleschke ist sich ziemlich sicher, dass der „contra-intuitive Zusammenhang: weniger Meereisbedeckung ergibt kältere Winter“ für die Arktis und das Winterwetter in Nordeuropa zutrifft. Weniger sicher ist er sich, was die vermuteten Veränderungen in den atmosphärischen Winden in etwa zehn Kilometer Höhe, dem sogenannten Jetstream, angeht. Genau auf dieses Phänomen beziehen sich aber – mit zum Teil gegensätzlichen Ergebnissen – die jüngsten Studien.

Quiuhong Tang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften gehört zu den Autoren der jüngsten Studie. Seine Forschungsgruppe hat Satellitenbilder und atmosphärische Daten ausgewertet, um herauszufinden, ob sie einen Zusammenhang zwischen der Meereisbedeckung und dem polaren Jetstream im Norden ermitteln können. In dem Fachartikel berichten sie, dass sich der Jetstream stärker nach Norden verlagere. Das bewirke, dass Wetterlagen stabiler werden. Im vergangenen Jahr, als der Super-Sturm „Sandy“ auf die amerikanische Ostküste bei New York traf, hatte sich genau so eine Wetterlage festgesetzt. Eine stabile Hochdrucklage verhinderte, dass der Sturm in Richtung Westen aufs Meer abdrehen konnte und ging mit einem Winkel von fast 90 Grad an Land.

Eine andere Forschergruppe der Universität Exeter hatte dagegen vor einem Monat berichtet, der Jet-Stream verlagere sich im Sommer in Richtung Süden, wenn die Meereisbedeckung gering sei. So begründeten die Forscher um James Screen die extrem nassen Sommer in Großbritannien zwischen 2007 und 2012. Lars Kaleschke ist sich in einem allerdings sicher: „Die Meereisbedeckung hat großen Einfluss auf das Wetter und die Druckmuster.“ mit dpa

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