Köln wankt : Das Ende der rheinischen Gelassenheit

"Fott es fott" – was weg ist, ist weg, so lautete die Formel für rheinische Gelassenheit. Seit dem Einsturz des Stadtarchivs ist das vorbei. Und nicht nur das.

Helmut Schümann[Köln]
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Blick auf die Spitzen der Stadt. Das kölsche Gefühl und die Kölner Realität, sie scheinen nicht mehr recht zusammenzupassen. Foto:...

Die jüngsten Nachrichten von Felix stimmen hoffnungsfroh. Die Blutuntersuchungen verliefen positiv, die Leberwerte liegen im unkritischen Bereich, die Nieren arbeiten ordentlich, zudem blieb Felix von Brüchen oder Prellungen verschont. Kater Felix, 12, der fünf Wochen in den Trümmern des eingestürzten Kölner Stadtarchivs überlebte, ist stark abgemagert, wird aber mit Bachblütentherapie und Putengeschnetzeltem, seinem Lieblingsgericht, aufgepäppelt. Oder, um es mit dem bis zum Überdruss zitierten Kölner Grundsatz zu sagen: „Et hätt noch immer jot jejange.“

Ist es nicht wie eine Bestätigung, dass „et kütt wie et kütt“, wie ein Beweis der kölschen Weisheiten und Befindlichkeiten, wenn das Leben auch seine schönen Seiten parat hält, seine rührenden und gefühligen, und ein niedliches Kätzchen trotzen lässt gegen die herabstürzenden Steine? Am 3. März brach unter dem Gebäude des Stadtarchivs die Erde weg, 25 000 Urkunden, 780 Nachlässe, 104 000 historische Karten und Pläne, 50 000 Plakate, 500 000 Fotos und 26 Kilometer Akten. Kölns Gedächtnis und Kölns Stolz purzelten in einen 28 Meter tiefen Krater, wurden verschüttet, viel des Materials ist beschädigt, manches unwiederbringlich. Aber Felix lebt. Da sind wir dabei, das ist prima, viva Colonia!

Ein paar Meter neben der Einsturzstelle stehen vor dem Einrichtungshaus Ten Eikelder an der Ecke der Kleinen Spitzengasse zur Severinstraße allerdings immer noch die ewigen Lichter für Khalil und Kevin, die beiden jungen Männer, die beim Einsturz des Gebäudes ums Leben kamen. Auch ist der Selbstmord einer 84-jährigen Frau zu beklagen, die bei der Katastrophe ihre Wohnung verloren hatte – „fott is fott“, ein anderer Kölner Sinnspruch, will da nicht mehr von den Lippen gehen, leicht schon gar nicht, aber gequält auch nicht mehr.

Wie überhaupt Köln zurzeit ein wenig zu hadern scheint mit seiner Wesensart, dem lockeren Leben, dem gefühligen „Hätzen“ und der Lust am Gesang. Es ist gerade nicht gut schunkeln in Köln am Rhein. Und beim erneuten Gang durch die Severinstraße, dieser einst quirligen Gasse voller Läden und Leben, die nun zum Fanal geworden ist für Pfusch und Leichtfertigkeit, ist in den Geschäften und auf den Straßen als vorherrschendes Gefühl Wut auszumachen. Wut über die Nachlässigkeiten beim U-Bahnbau, die das Unglück offensichtlich befördert haben, Wut über die offenkundig verdrängten Warnungen vor der Gefahr, Wut über die nicht stattfindende Ursachenforschung und Wut über die Chuzpe, mit der sich die Stadtoberen mal wieder über die Bürgerwünsche hinweggesetzt haben. Wer hat schon diese U-Bahntrasse durch Kölns Südstadt gewollt, dieses viel zu teuere Bauprojekt, das verkehrstechnisch unsinnig ist und nur der Selbstüberschätzung zu dienen scheint? „Weil New York eine U-Bahn hat, Paris, London und Berlin auch, glaubt Köln, auch so eine Metro haben zu müssen“, sagt der Historiker Martin Stankowski.

Da ist ein kleiner Riss durch die Stadt zu spüren, mindestens ein kleiner Setzriss, wie ihn die Bewohner der Häuser in der Severinstraße seit Baubeginn bemerkten – und welche Folgen so ein kleiner Riss haben kann, haben sie vor fünf Wochen erlebt. Man kann auch die symbolischen Risse auf der Severinstraße sehen, einer verläuft zum Beispiel zwischen den Kneipen „Rico’s Saloon“ und „Em Scheffge“. Der Saloon ist auf Westernstyle gestaltet, Erlebnisgastronomie mit Eventcharakter. Am Vorabend wollte hier Ottmar Lattorf eine Bürgerbewegung auf die Beine stellen, eine, die zunächst mal nur eine öffentliche Debatte fordert über den Fortlauf des U-Bahnbaus, über seine Kosten und die eines etwaigen Baustopps. Etwa 30 Leute wollten kommen, Anwohner, die sich um ihre Sicherheit sorgen, Vertreter anderer Gruppierungen, denen die allgemeine Stadtentwicklung Kopfschmerzen verursacht. Aber dann hatte der Saloonbesitzer zwei Stunden vor dem Treff abgesagt, wohl, weil er die Kritiker nicht haben wollte in seinem Wilden Westen. Also zog die Gruppe ein paar Meter weiter ins „Scheffge“, wo das Kölsch traditionell getrunken wird und auch Verkehrssprache ist. Viel rumgekommen ist bei dem Bürgertreffen dennoch nicht, berichtet Lattorf, „die Leute sind zwar alle böse und ihnen reicht es, aber der Organisationsgrad ist sehr schlecht, in dem Punkt sind die Karnevalisten besser“.

Aber das Unbehagen, dass irgendetwas schief läuft in ihrer Stadt, dass das kölsche Gefühl mit seiner gemütlichen Mentalität nicht mehr so recht zusammenpasst mit der Kölner Realität, das bleibt dennoch. Man kann etwas von diesem Widerspruch spüren, etwa wenn man vom Heumarkt und der Altstadt über die Deutzer Brücke schlendert. Man sieht dann Kölns neue Arena, eine von Deutschlands größten Multifunktionshallen für Sport und Entertainment, und wenn man sich ihr nähert und dann vor ihr steht, dann wirkt dieser gigantische Zweckbau wie ein architektonischer Kontrapunkt zum ehrwürdigen Dom auf der anderen Seite. Wenigstens der heißt noch Kölner Dom, der Arena haben sie die Heimat längst genommen und sie von Kölnarena in Lanxess Arena umgetauft. Dass der Frankfurter Stadtplaner Albert Speer Ende 2008 dem CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma im Auftrag von 37 Kölner Unternehmen und der örtlichen Industrie- und Handelskammer einen 150-seitigen Masterplan überreichte, „ein Regiebuch für die zukünftige Entwicklung Kölns“, verheißt zumindest gewaltige städtebauliche Veränderungen, wenn nicht sogar nichts Gutes. Die Rede ist, auf den Köln umfassenden Grüngürtel bezogen, vom Wohnen und Arbeiten, so attraktiv wie am Central Park in New York. „Köln“, so Historiker Stankowski, „leidet unter einem tiefen Inferiorgefühl. Köln ist Provinz, das ist nicht weiter schlimm, blöd ist es nur, es nicht zu wissen.“

Nicht, dass die Kölner diesen Widerspruch nicht gewöhnt wären. Dass der ebenfalls bis zum Überdruss zitierte Kölsche Klüngel, jene „zehn Prozent Nachbarschaftshilfe und 90 Prozent Korruption“, wie der Satiriker Heinrich Pachl das kommunalpolitische Zusammenwirkens Kölns nennt, keine verlässliche Instanz ist, weiß Köln aus unzähligen Beispielen. Ob das der Skandal um die überdimensionierte Müllverbrennungsanlage war, bei dem sich SPD-Politiker illegal die Parteikasse füllten, ob das die Beraterverträge waren, die die Stadt-Sparkasse CDU-Politikern auslobte, ohne eine Gegenleistung zu erwünschen, ob es die Affäre um den ehemaligen Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier beim Bau der neuen Messehallen und der Kölnarena waren, bei denen sich die private Oppenheim-Esch-Holding die Taschen voll machte, ob das der Kahlschlag der Sürther Aue ist, einem Naturschutzgebiet im Süden der Stadt, das ohne Not und gegen massiven Bürgerprotest einem Container-Hafen weichen muss, dergleichen kennt der Kölner und könnte die Reihe beliebig fortsetzen. Dergleichen ist auch keine Kölner Spezialität, kölsch daran ist erst die Verweigerung der Aufklärung, der Mangel an Ursachenforschung und die allzu schnelle Bereitschaft in aller „Selbstbesoffenheit und Selbstverliebtheit“ zu vergessen.

Das sind keine Worte eines kölnfeindlichen Düsseldorfers, das sind Selbsteinschätzungen von Günther „Bömmel“ Lückerath, einem der Gründungsväter der „Bläck Fööss“. Man kann die Band, die seit nun fast 40 Jahren nicht nur im Karneval kölsche Lieder singt, mit Fug und Recht als die Gralshüter des kölschen Gefühls bezeichnen, als Chronisten und Bewahrer der kölschen Seele. Vor drei Jahren schrieben sie den Song „Fa. Huddel & Brassel“ und in dem heißt es nahezu prophetisch (und hier in der Übersetzung):

"Wir werden immer größer, wir werden immer mehr

Wir expandieren ständig nach unten und in die Höh.

Und wenn wir dann im Himmel sind, wir hören niemals auf

da bauen wir dann eine U-Bahn, eine Seilbahn, eine Geisterbahn, eine Startbahn, Landebahn, Zahnradbahn, Autobahn,

den Himmel kriegen wir auch kaputt. Aber es hört ja keiner."

Das Büro der Band liegt in Deutz, einen Steinwurf von der Lanxess Arena entfernt, Industriegegend drum herum, ein Flachbau, den sich die Musiker mit einem heruntergekommenen Copy-Shop und einem Kampfsport-Studio teilen. Es gibt wahrscheinlich eine Menge sachlicher Gründe, warum die Bläck Fööss weit ab von ihrem gefühlten und gefühligen Zentrum logieren müssen, aber ein wenig wie eine sinnbildliche Verdrängung des alten Kölns wirkt der Standort schon. „Das Brauchtum wird missbraucht“, sagt Bömmel Lückeraths Bandkollege Hartmut Priess, „die Folklore ist zur Ballermann-Stimmung verkommen, der Karneval“ – und der ist in Köln eben mehr als nur eine Zeitspanne zwischen November und Februar, „ist fest in der Hand der Event-Industrie.“ Köln als Lebenseinstellung, assistiert Lückerath, verliere auch ohne solche Katastrophen an Kraft, Kölsch als Sprache werde weniger gesprochen, das Brauchtum nicht mehr als Wurzel begriffen, sondern nur noch als Vermarktungskonzept. Um dem entgegenzuwirken, gehen die Black Fööss in die Schulen und versuchen in Arbeitsgemeinschaften Sprache und Liedgut zu erhalten. „Köln ist doch nicht mehr Köln“, sagt Lückerath.

„Aber nun, nach dem Einsturz des Archivs, haben die Leute die Nase voll von et hätt noch immer jot jejange.“

Die Verramschung der Kölner Seele sieht auch Jürgen Becker, Kabarettist, Heimatforscher, Mitbegründer der alternativen Karnevalsinstitution „Stunksitzung“. Und hat Täter ausgemacht: „De Höhner“, Kölns inzwischen bekannteste Mundartband, „die Höhner“, sagt Becker, „sind natürlich eine Seuche für Köln.“ Die Parks seien verdreckt, und das sind sie in der Tat wie der Berliner Tiergarten nach einem Grillwochenende, die Rolltreppen funktionierten nicht, tun sie in der Tat nur sporadisch, und die KVB, die Kölner Verkehrsbetriebe und Herr über den katastrophalen U-Bahnbau, sei nicht mal Herr ihrer Fahrpläne, ist sie in der Tat nicht, „und die Höhner singen, dass Köln die schönste Stadt der Welt ist“. So bedienen sie das Kölner Selbstwertgefühl, da simmer dabei, dat is prima, viva Colonia.

Aber vielleicht tut sich etwas in Köln nach der Katastrophe, „die Leute sind richtig wütend auf die Politiker“, sagt Becker, „das ist vielleicht die Chance.“ Schramma, der Oberbürgermeister, hat seine Kandidatur für die Wahl am 30. August nach seinem missratenen Krisenmanagement schon zurückgezogen, „es sitzen in den Kommunalausschüssen aber noch viel zu viele Leute herum, die einen an der Waffel haben.“ Seine Lösung: „Abschaffung der Landtage, Stärkung der Kommunalpolitik, wer setzt sich denn für lächerliche 30 Euro Aufwandsentschädigung in eine Ratssitzung. Da muss die Elite ran, die muss ordentlich bezahlt werden, dann lässt sie sich auch nicht von irgendwelchen Versorgungspöstchen und Sparkassenaufsichtsratsverträgen korrumpieren.“ Da könnte etwas dran sein, mindestens Überforderung in der Verwaltung, Laxheit bei den Kontrollen haben das Unglück beschleunigt. „Wahrscheinlich ist aber, dass im Herbst der Poldi kommt“, Lukas Podolski, der Fußballer bald wieder vom 1. FC Köln, „und dann ist alles wieder gut.“

Oder auch nicht. Historiker Stankowski hat eine Aufregung ausgemacht, wie sie noch nie größer war. Köln, erzählt er, war mal eine Weltstadt, bis ins 12. Jahrhundert, neben Paris die wichtigste Metropole nördlich der Alpen, „und die Beweise dafür, die liegen jetzt im Dreck, unter Schutt.“ Das zehre am Selbstbewusstsein und „ist der Verlust eines kulturellen Schatzes, das ist vergleichbar, als wenn der Dom umkippt.“ Die große Symbolkraft gerade dieses Einsturzes ist nachvollziehbar. Überhöhung und Wahrnehmung der Vergangenheit als Ist-Zustand ist auch in anderen Bereichen des öffentlichen Kölns zu erleben. Der FC war mal der erste Deutsche Meister nach Gründung der Bundesliga 1964 – und ist es gefühlt und im Auftritt immer noch. Die Stadt nennt sich führende Medienstadt, und das war sie ja auch einmal in der Bonner Republik mit dem WDR. Der ist nicht mehr der Hauptstadtsender, von Köln strahlt der Sender RTL aus, „und die Presse“, sagt Stankowski, „ist monopolisiert im Verlagshaus Neven-DuMont. Auch das prägt die Kölner Wahrnehmung der Welt und verhindert die Selbstreflexion.“ Der Stolz Kölns, der berechtigte Stolz? „Das Museum Ludwig“, sagt Stankowski, „und die Vergangenheit, und die ist erst einmal begraben.“

„Fott es fott“, was weg ist, ist weg, das war mal ein tiefgründiger, fast schon philosophischer Ausdruck für rheinische Gelassenheit und Fatalismus. Zurzeit ist es nur bittere Erkenntnis. Dietmar Jakobs, Drehbuchautor von „Stromberg“, der „Schillerstraße“ und Co-Autor von Jürgen Becker bei den Mitternachtsspitzen, hat nach dem Zusammenbruch des Stadtarchivs und des Wertesystems schlimme Stimmen vernommen: „Es gibt immer mehr Leute, die sagen, diese verhasste Stadt im Norden, dieses Düsseldorf, sei die bessere Stadt.“ Oh Gott, Colonia, was kommt noch alles über dich. Und Cleo, die jüngere Schwester von Kater Felix, wird weiterhin vermisst, Überlebenschance gleich null. Es geht eben nicht immer alles gut.

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