Kölner Bausubstanz : Et hätt noch immer jot jejange

Während in den Kölner Straßen der Karneval tobt, stellen Experten im Untergrund Skandalöses fest.

Manfred Reinnarth[Köln]
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Ahnungslos feierten diese Kölnerinnen am Donnerstag in der Altstadt. Und sie dürfen es weiter tun. -Foto: ddp

Der Rosenmontagsumzug wird nicht verlegt. Diese frohe Botschaft verkündete Kölns Stadtdirektor Guido Kahlen am Freitag. Es gibt aber noch eine schlechte Nachricht. In der U-Bahn-Baustelle Heumarkt sind 83 Prozent der vorgesehenen verstärkenden Eisenbügel nicht montiert worden. Bauarbeiter haben sie an Schrotthändler verkauft.

Der Vorgang ist ohne Beispiel. Zehntausende Jecken tanzten und feierten am Donnerstag in der Kölner Altstadt – ohne zu ahnen, was sich nur wenige Meter weiter in einer unterirdischen Baustelle abspielt. Während Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) mit einem Zylinder auf dem Kopf von einer Karnevalsparty zur anderen zieht, weiß er, dass zeitgleich ein Krisenteam tagt. Experten prüfen die Wände in der U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, messen und rechnen. Erschreckendes Ergebnis: Nur 17 Prozent der vorgeschriebenen Eisenbügel, die zur Stabilisierung der Grube notwendig sind, wurden tatsächlich eingebaut. Gut ein Jahr nach dem dramatischen Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit zwei Toten herrscht Fassungslosigkeit.

Denn auch wenn die genaue Ursache des Unglücks noch immer nicht feststeht: Als sicher gilt, dass die Baustelle für die neue Nord-Süd-Bahn, die direkt am Stadtarchiv entlangführt, mit dem Einsturz zu tun hatte. Die schrecklichen Bilder vom 3. März 2009, die anstatt des Archivgebäudes plötzlich nur noch einen riesigen Schuttberg und daneben aufgerissene Wohnräume zeigen, sind in den Köpfen der Menschen noch allgegenwärtig.

Nach dem Unglück gingen viele Kölner davon aus, dass der komplette Streckenverlauf der geplanten U-Bahn mit ihren sämtlichen Baustellen nun umso genauer überprüft und überwacht würde. Doch erst in dieser Woche fielen die fehlenden Eisenteile auf. Warum nicht vorher? Darauf gibt es bisher keine zufriedenstellende Antwort. Der Pfusch beim U-Bahn-Bau nimmt ungeahnte Dimensionen an. Bauprotokolle sollen gefälscht worden sein.

Zunächst kommt – wohl durch das Geständnis eines Bauarbeiters – heraus: Arbeiter sollen Eisenbügel gestohlen haben, die für die U-Bahn-Baustelle am Einsturzort bestimmt waren und zur Stabilisierung erforderlich sind. Das Metall sollen sie bei einem Schrotthändler zu Geld gemacht haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sind die fehlenden Teile jedoch nicht die Ursache für das Archiv-Unglück gewesen. Daraufhin überprüfen Fachleute auch die Baustelle am Heumarkt – und stellen fest, dass dort zum Teil nur 17 Prozent der vorgesehenen Eisenbügel eingesetzt wurden. Vorsorglich wird ein Plan zur Evakuierung des ganzen Viertels gemacht. Erst am späten Donnerstagabend gibt die Stadt Köln Entwarnung und teilt mit, dass definitiv keine Einsturzgefahr bestehe. Auch die Karnevalszüge könnten nun wie geplant starten.

Doch wie kann es sein, dass das Fehlen der Eisenstangen so lange unbemerkt blieb? Eigentlich müssen zwei unabhängige Fachleute das ordnungsgemäße Einsetzen der Eisenbügel überwachen. Der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, Heinrich Bökamp, sagt der Deutschen Presse-Agentur dpa am Freitag, die Kölner Verkehrsbetriebe KVB hätten es wohl versäumt, wie vorgeschrieben einen Prüfingenieur mit der Überwachung zu beauftragen. Stattdessen hätten sie das offenbar irgendwie selbst leisten wollen: „Aber wenn 80 Prozent geklaut wurden, kann ich mir nicht vorstellen, dass da eine Kontrolle installiert war“, sagt Bökamp.

Der 2004 begonnene U-Bahn-Bau ist vielen Kölnern schon lange ein Dorn im Auge. In mehreren anliegenden Häusern gibt es Risse, die von den Stemmarbeiten herrühren. Und kurz nach dem Unglück beklagte auch der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), dass sein Schreibtisch im Rathaus – wo die Strecke ebenfalls entlangführt – durch die Bohrarbeiten wackle.

Die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), die Bauherrin des U-Bahn-Projekts, bezeichneten die Standsicherheit als „absolut gewährleistet“. KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske: „Es bestand keine Gefahr, und es besteht keine Gefahr.“

Stadtdirektor Kahlen kann wohl allem etwas Gutes abgewinnen. Es sei für die Kölner Bürger doch beruhigend zu wissen, „dass wir auch an den tollen Tagen sofort handlungs- und entscheidungsfähig sind“. mit dpa

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